Ich bin in meinem Leben erst einem einzigen genialen Psychoanalytiker begegnet. Er hieß Otto Groß, war der literarisch meist bestohlene Mensch der Gegenwart (Franz Jung, Leonhard Frank und Franz Werfel könnten, sofern sie ihrem eigenen Lied damit nicht schaden, vielleicht ein Lied davon singen) und verbrachte sein Leben zwischen Polizeistation, Sanatorium und Irrenhaus. Das sprach für ihn. Seine Art der Psychoanalyse war eben keineswegs etwas Harmloses, Obrigkeitsbeliebtes, zum „Vater leih' mir die Scher“-Spiel Taugliches, wie sie seit Freud die Jünger samt und sonders betreiben. Sie war für ihn: eine neue, revolutionäre Methode. Ich möchte fast sagen: der Marxismus des Geschlechtslebens. Diesem Manne bedeutete das „Analysieren“ keinen schmutzigen, schlecht riechenden Selbstzweck; nicht ein Postament, von dem die eigenen „Komplexe“ und „Verdrängtheiten“ souverän herabblicken können; nicht eine Art psychischer psychischer Klistierverabreichung. Ihm war bloß die revolutionäre Anwendung jener wissenschaftlichen Erkenntnis wichtig, die Denkfolgen, die sich aus ihr ergaben - die psychoanalytische Auskurierung der Menschheit.

(Anton Kuh: Don Juan, der Psychoanalytiker. In: Neues Wiener Journal. 1926, Nr. 11827, 24. Oktober, S. 8)