34. Verlegung von Stolpersteinen in Magdeburg am 8. Juni 2022

Gegen das Vergessen - Stolpersteine für die Stadt Magdeburg

Wie die städtische Arbeitsgruppe „Stolpersteine für Magdeburg“ beim Kulturbüro der Landeshauptstadt mitteilt, wird am Mittwoch, dem 8. Juni 2022, eine weitere Stolpersteinverlegung in der Stadt stattfinden, an der auch Angehörige der Opfer, deren gedacht wird, aus den USA und Israel teilnehmen werden.

Der Verlegeplan am 8. Juni

09.00 Uhr Ruth Mühlmann, Walbecker Str. 37
(arrow Video, Offener Kanal Magdeburg, 15:05 Min.)
09.30 Uhr Georg, Isidor, Pauline und Sigmund Lippmann, Schöninger Str. 27a
09.50 Uhr Robert Lopian, St. Michael-Str. 57
10.10 Uhr Alfred Michel und Margarete Herrmann sowie Marie Valesca Asch, Schneidersgarten 2
10.40 Uhr Henoch Heinrich, Meier Wolfgang, Suzanne und Taube Antonia Keller, Schleinufer 20 (früher Fürstenufer 20)
11.10 Uhr Beile Bela, Jacob, Margareta Margot und Moshe Manfried Erreich, Johannisbergstr., gegenüber der Johanniskirche (früher Johannisbergstr. 7b)
11.35 Uhr Eva Wiethaus, Kantstr./Osteingang City-Carre (früher OvG-Str. 16)
11.55 Uhr Frieda Cohn und Hedwig Zehden, Kantstr. 6, Westeingang City-Carre, neben dem Kino (früher Kantstr. 12)
12.20 Uhr Chemia und Rosa Brustawitzki, Brandenburger Str. 2a (arrow Video, Offener Kanal Magdeburg, 18:29 Min.)
12.55 Uhr Ester und Khaim Imbermann, Bei der Hauptwache/Ecke Julius-Bremer-Str. (früher Neuer Weg 18)
13.15 Uhr Minna und Schimon Weinber, Jakobstraße/nahe Johanniskirch-Parkplatz (früher Spiegelbrücke 3)
13.35 Uhr Rosa Schaffranke, Jakobstraße, zwischen Nr. 22 und 28 (früher Jakobstr. 14) (arrow Video, Offener Kanal Magdeburg, 15:51 Min.)
13.55 Uhr Chaim Baruch, David und Helene Brustawitzki, Jakobstr., zwischen Nr. 28 und 34 ((früher Kleine Klosterstr. 2)
14.35 Uhr Edith, Ernst Erich, Moritz und Paul Crohn, nördlich Oststr. 1 (früher Oststr. 6)


Die 20-jährige Ruth Mühlmann wurde im Rahmen der so genannten „Aktion T4" am 31. März 1941 aus der Heil- und Pflegeanstalt Altscherbitz bei Leipzig in die Tötungsanstalt Bernburg deportiert und noch am gleichen Tag in einer Gaskammer ermordet. Zu den 33 Mitbürgern jüdischer Herkunft, für die Gedenksteine verlegt werden, gehören allein fünf Angehörige der Familie Brustawitzki.

Chemia Brustawitzki (* 1876) und seine Frau Rosa (* 1875), geb. Zabielowicz, stammen aus Kolno unweit von Bialystok in Podlachien, um die Wende des vorigen Jahrhunderts in Russland gelegen. Schon im 17. Jahrhundert hatten sich dort die ersten Juden niedergelassen, Mitte des 19. Jahrhunderts machten sie die Mehrheit der Stadtbevölkerung aus.

Chemia Brustawitzki (oder Brzostowiecki wie der ursprüngliche Familienname lautet) ist Pferdehändler am Ort. Die jüdischen Pferdehändler verfügen über intensive Kontakte ins Ausland, wo man großes Interesse an den mächtigen polnischen Arbeitspferden hat. Bei Ausbruch des 1. Weltkriegs befindet er sich mit seiner Ehefrau auf Geschäftsreise, ihre Kinder, die halbwüchsigen Chaim Baruch (* 1898) und Inda (* 1899), die Söhne Motek (* 1906) und Abram (* 1908) sowie die Tochter Susan (* 1912) bleiben zuhause in der Obhut Verwandter zurück.

Der Sohn Motek erinnert sich im Herbst 1995 (er führt längst den Namen Max Brusto) im Gespräch mit Herbert Kapfer an seinen Geburtsort:

Vom Marktplatz sieht man die einzelnen Landstraßen; die eine, nach Westen, führt nach Ostpreußen, die entgegengesetzte nach dem Innern Polens. Mein Städtchen besteht aus fünf Buchstaben, aus einigen Tausend jüdischen und christlichen Seelen; es hat einen viereckigen Marktplatz, auf dem zweimal in der Woche Markt abgehalten wird, eine Synagoge, eine russische und eine polnische Kirche und eine christliche und eine jüdische Schule. Neben der jüdischen Schule ist ein großer Platz, auf dem Vieh- und Pferdemärkte abgehalten werden. Auf diesem Platz erfuhr ich zum erstenmal - ich mag damals sechs Jahre alt gewesen sein - daß es auf der Welt Christen und Juden gibt. Zwei Burschen, Söhne eines armen polnischen Bauern, riefen mir, als ich über den Platz ging, "Jude" zu und warfen nach mir mit Steinen. Wer war an diesem Steinwurf schuld? Der Zar, der den polnischen Bauern ihre Freiheit nicht wiedergeben wollte und ihnen sagte, die Juden seien schuld, oder mein Onkel aus Lomza, der den Platz gepflastert und einen Haufen Steine zurückgelassen hatte?

In Magdeburg wird das Paar alsbald als Kriegsgefangene interniert. Da sie über Geldmittel verfügen und Rosa Brustawitzki kurz vor der Niederkunft steht, wird ihnen erlaubt, in der Stadt ein Privatzimmer in der Marschallstraße anzumieten, wo am 31. Oktober 1914 die Tochter Eva zur Welt kommt. Rosa Brustawitzki erhält die Genehmigung, für die zahlreichen Kriegsgefangenen jüdischer Herkunft koscheres Essen anzubieten, bald wird dem Paar gestattet, eine größere Wohnung in der Großen Schulstr. 15 zu beziehen und sie können die Kinder nachholen.

Hotel und Restaurant Brandenburger Str. 2a (Anzeige 1921)Die in der Wohnung gelegene Speiseanstalt mit koscherem Mittagstisch findet schnell großen Anklang, bald sind die Räumlichkeiten zu beengt und schon 1921 kann in der Brandenburger Str. 2 ein Hotel und Restaurant (mit „streng ritueller Küche“, „1 Minute vom Hauptbahnhof“) eröffnet werden. Auch hat sich die Familie weiter vergrößert: 1918 wird der Sohn David Isaak, Egon genannt, geboren.

Auch die Tochter Inda wird Mutter: 1919 kommt in Magdeburg ihr Sohn Nachmann zur Welt. Chaim Baruch Brustawitzki, der sich im Mai 1920 mit der aus Magdeburg stammenden Helene Limmer verlobt hat – voller Stolz gibt er 100 RM als Spende für 10 Bäume im arrow Herzlwald in Palästina – heiratet am 1922 in Halle, die Hochzeitsgesellschaft gibt weitere 745 RM für die Aufforstungsinitiative in Erez Israel. Die Eheleute lassen sich in der Kleinen Klosterstr. 2 nieder, wo am 1. November der Sohn David zur Welt kommt und Chaim Baruch Brustawitzki im Bekleidungsstoffhandel tätig wird.

Motek Brustawitzki wechselt nach Hamburg, wo er als Journalist arbeitet, nimmt lebhaften Anteil an der zionistischen Bewegung und besucht den jüdischen arrow Biro-Bidschaner Nationalrajon in der UdSSR.

Abram Brustawitzki, gleichfalls als Journalist tätig, hat sich schon in Magdeburg der KPD angeschlossen und übersiedelt 1932 in die UdSSR, nach Moskau, später nach Leningrad.

Die Tochter Inda, nach kurzer Ehe mit Zabel Kaplan, aus der 1930 der Sohn Bernhard hervorgeht, lebt mit dem Innenarchitekten Gerhard Lück in der Großen Münzstr. 15 zusammen und betreibt dort ein Herrenstoffgeschäft. Und auch sportlich machen sich Familienangehörigen einen Namen: im jüdischen Sportverein Bar Kochba erzielen sie im Handball und Hochsprung respektable Leistungen.

Das Geschäfte der Altvorderen in der Brandenburger Str. prosperieren derweil, zwischen 1930 und 1933 beträgt der jährliche Umsatz im Durchschnitt 100.000 RM, selbstredend ist Chemia Brustawitzki Mitglied des Vereins jüdischer Hotelbesitzer und Restaurateure e.V.

Verzeichnis des Vereins jüdischer Hotelbesitzer (1929)

Doch schon am 8. März 1933 wird der Betrieb von SA-Leuten überfallen, die Einrichtung zertrümmert, Gäste verletzt.

Eva Brustawitzi, damals 18 Jahre alt, erinnert sich 1965 an die Ereignisse als wären sie gerade geschehen:

Am Abend des 8. März 1933 war unser Hotel komplett besetzt und der Grossteil der Gäste hielt sich im Restaurant auf. Während ich gerade in der Halle telephonieren wollte, ging die Eingangstür auf und ich sah einen Haufen SA-Männer auf mich zukommen, die alle Revolver und einige, die auch noch Messer in der Hand hielten. Leider schrie ich nicht, um Alarm zu schlagen, sondern griff nach dem Telephonhörer, um die Polizei zurufen, worauf mir sofort einer den Hoerer aus der Hand schlug. Inzwischen waren die anderen schon in das Lokal eingedrungen und ich hoerte lautes Schreien und Schuesse. Als ich mich meiner Eltern erinnerte, rannte ich in das Lokal und sah einen SA-Mann auf einen am Boden liegenden Italiener einstechen, einer schoss gerade hinter meiner Schwaegerin Helene hinterher, die anscheinend als Letzte den Gang zur Kueche entlang lief. Ich fiel ihm in den Arm, so streifte sie der Schuss nur am Hacken und ging in die Wand. Der SA-Mann stiess mich beiseite, so kam es, dass ich meine Mutter ganz allein im Hauptsaal stehen sah und natuerlich sofort zu ihr lief. Wir hielten uns umschlungen und wurden beide nicht angegriffen. Ein langjaehriger Gast, der Sohn eines Schweizer Konsuls, lag ueber einem Stuhl und blutete stark aus einer Kopfwunde. Alles war blutverspritzt, die Waende, der Fussboden und die Tischtuecher, wie in Blut getaucht.
Die SA-Leute rotteten sich an der Tuer zusammen und ich hoffte schon, dass sie gingen und alles vorbei waere. Ploetzlich trat einer aus der Reihe, ergriff einen Stuhl und warf ihn krachend ins Büffet und als ob dies ein Signal gewesen waere, griffen sie alle zu Stühlen und zertrümmerten systematisch den ganzen Betrieb. Nicht ein Spiegel, Bild, Tisch, Stuhl oder Vitrine blieben ganz, alle Flaschen, Teller, Gläser waren zertrümmert. Als aber auch nichts mehr ganz war, zogen sie plötzlich ab.

Nachdem die Schäden repariert sind und das Haus wieder eröffnet, zwingt ein SA-Kommando am 1. April alle Gäste auszuziehen. Erst im Juni wird wieder eröffnet.

Diese Ereignisse sind für die meisten Familienmitglieder Veranlassung genug, Deutschland zu verlassen: der Sohn Motek entschließt sich, von Hamburg nach Frankreich zu wechseln, die Tochter Inda reist mit Familie 1936 nach Uruguay aus, die Tochter Eva mit Ehemann Werner Heinz Hülse nach Buenos Aires in Argentinien, wo schließlich auch der Sohn David Isaak anlangt. Die Tochter Susan übersiedelt mit Ehemann Rudolph Richard Waldapfel Valas in die USA.

Abram Brustawitzki, der unter arrow A. Brustow publiziert, gehört in Rußland der Länderkommission der Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller (IVRS) an und ist Feuilletonredakteur der „Rote Zeitung". Am 21. Mai 1936 wird er verhaftet und am 22. September von einer „Sonderberatung" des NKWD nach § 58(10) des Strafgesetzbuches wegen antisowjetischer Propaganda und Agitation zu 5 Jahren „Besserungsarbeitslager" verurteilt. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Für die in Deutschland Zurückgebliebenen wächst die Drangsal weiter: das Grundstück in der Brandenburger Str. muss „an die Stadtgemeinde aufgelassen“, das Hotel verkauft werden, das bald zum Judenhaus wird. Im Verlauf der „Polen-Aktion“ im Oktober 1938 werden Chemia und Chaim Baruch Brustawitzki, später auch Rosa, Helene und David nach Bentschen/Zbąszyń an die polnische Grenze deportiert. Sie erhalten die Erlaubnis, für kurze Zeit nach Magdeburg zurückzukehren, um ihre Angelegenheiten zu regeln, werden allerdings dann wieder nach Polen ausgewiesen. Die letzte Nachricht, die die Familienangehörigen im Ausland erreicht, datiert vom 7. März 1940 aus arrow Kolno.

Schon während der sowjetischen Besatzungszeit waren viele Juden in Kolno Deportationen zum Opfer gefallen. Am 22. Juni 1941 besetzen deutsche Fallschirmspringer die Stadt. Eine spezielle deutsche Exekutionsgruppe vollführt das erste Pogrom. Am 4. Juli ermordet eine „Menge von Polen“ 37 Juden, vergewaltigt Frauen und raubt jüdisches Eigentum. Am 15. Juli 1941 erschiessen die Deutschen jüdische Männer der Stadt. Am 18. Juli 1941 führen sie alle jüdischen Frauen und Kinder in das Dorf Mściwoje. Dort gibt es Massenhinrichtungen von Juden, es sterben mehr als 2.000. Auch diejenigen, die von Kolno ins nahegelegene Lomza fliehen, weil sie glauben, in einer Großstadt sicherer zu sein, werden nicht verschont: alle Juden aus dem dortigen Ghetto werden nach Auschwitz transportiert, wo sie ihr Ende finden. Von den Angehörigen der Familie Brustawitzki, die nach Kolno gelangt waren, hat niemand überlebt.

Motek Brustawitzki, jetzt arrow Max Brusto und Schriftsteller, 1942 in Paris, dann in Nizza lebend, flieht vor den Deutschen über den Genfersee in die Schweiz, wo er in Auffang- und Arbeitslagern interniert wird. Nach Ende des Krieges kehrt er nach Frankreich zurück.

Die Gedenkblätter zu den 664 insgesamt in Magdeburg verlegten Stolpersteinen liegen im Rathaus im Magdeburger Gedenkbuch aus und können dort eingesehen werden. Digital sind sie - wie der digitale Stadtplan mit den Verlegeorten der Stolpersteine - auf der Internetseite der Landeshauptstadt Magdeburg zu finden: arrowwww.magdeburg.de/


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Es genügt nicht,

keine Meinung zu haben.

Man muß auch unfähig sein,

sie auszudrücken.

 

(Wolfgang Neuss)