Spurensicherung: Egon Kuhn und die Geschichte(n) einer Identität

Vorbemerkung

Der 28. April 2022 soll ein Festtag in Hannover-Linden werden: das Stadtteilarchiv zur Geschichte Lindens möchte sein 35-jähriges Jubiläum feiern - und dabei nicht zuletzt an seinen Gründer, den früheren Leiter des Freizeitheims in der Windheimstraße, Egon Kuhn, der 2019 verstarb, erinnern. Er habe, so heisst es in einem Bericht von Jonny Peter in der rührigen Stadtteilpostille "Lindenspiegel" (Ausgabe 4/2022, S. 3) in "den 1980er Jahren (...) seine zahlreichen Kontakte und Netzwerke nutzen und zusammen mit Studierenden und MitarbeiterInnen wichtige Bereiche der Lindener Arbeiterbewegung und des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus aufarbeiten" können. Jüngst hat gar ein Verein "Egon Kuhn Geschichtswerkstatt im Freizeitheim Linden" e.V. die Arbeit aufgenommen, der die mit Geldern der öffentlichen Hand erworbenen Dokumente und Fotos, Devotionalien wie Fahnen und Banner der Arbeiterbewegung, eine Bildsammlung des Arbeiterfotografen Walter Ballhause und anderes nun unter seine Fittiche genommen hat. Ob die vom Verein geplanten Jubiläums-Aktvitäten auch eine Würdigung des Veteranen Egon Kuhn umfassen werden, ist unklar, aber anzunehmen. Ich möchte es mir nicht nehmen lassen, einige biographische Details Egon Kuhns vorzulegen.

Egon Kuhn besuchte die Martin-Luther-Schule, später die Stüveschule in Osnabrück und schloss sich noch vor dem Schulabschluss zunächst dem Deutschen Jungvolk und später der Gefolgschaft 1/78 der Marine-HJ an. Er begann 1942 eine Ausbildung als Technischer Zeichner und besuchte parallel die Reichssportschule 1 "Gorch Fock" in Prieros bei Königs Wusterhausen, wo er die Seesportprüfungen A, B und C (letztere auf dem Segelschulschiff "Horst Wessel" - die im November 1943 von Grossadmiral Karl Dönitz in Begleitung des Reichsjugendführers Arthur Axmann besucht wurde - in Stralsund) mit Erfolg absolvierte.

Donitz Stralsund 11081943 2

Der seemännischen Prüfung unterzog er sich auf der Hochseeyacht "Jutta". Anfang 1944 zum Ersatzdienst der Marine-HJ einberufen - und seit dem 20. April 1944 Mitglied der NSDAP - erfolgte im Oktober 1944 die Einberufung zur 24. Schiffs-Stamm-Abteilung der Kriegsmarine nach Kiel. Nach der Infanterieausbildung in Kopenhagen wurde er im Frühjahr 1945 der 5. SS-Freiwilligen-Panzer-Division "Wiking" im ungarischen Veszprem zugeteilt und nahm an deren späteren Kampfhandlungen teil.

Der Ex-"Elan"-Chefredakteur und DKP-Bezirksvorsitzende Hans-Jörg Hennecke lässt Kuhn in "Das Buch EGON. Es gibt keine Identität ohne Geschichte" (Hannover 2007) sein Leben reflektieren. Nach eigenen Worten passte die Waffen-SS nicht recht in sein Lebensbild und nach Erhalt "der Information, dass unser Führer Adolf Hitler in Berlin in vorderster Stellung gefallen" und des "Führers Matrose, Großadmiral Karl Dönitz, sein Nachfolger" sei, war sein "bisheriger Glaube an den Endsieg nur noch ein Selbstbetrug. Jetzt ging es allein darum, die eigene Haut zu retten". Er gerät im Mai 1945 im oberösterreichischen Windischgarsten in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wurde in Grafenwöhr in der Oberpfalz interniert und schon im September 1945 aus der Gefangenschaft entlassen. (Bei dem Kriegsgefangenenlager, in das auch Günter Grass im Mai 1945 kam, handelte es sich um das vormalige Westlager im Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Es war nach 1936 südlich von Bernreuth in Barackenform errichtet worden und bot seiner Planung nach Platz für etwa 12.000 Soldaten und 2.000 Pferde. Am 20. April 1945 wurde es von amerikanischen Truppen eingenommen, die rasch dessen Eignung als Kriegsgefangenenlager erkannten. Schnell war es umzäunt und mit rund 30.000 gefangenen deutschen Soldaten und SS-Angehörigen belegt. Nach nur wenigen Monaten aber war das Lager wieder weitgehend leer, die Kriegsgefangenen verlegt oder freigelassen, zuletzt 1946 einige SS-Offiziere. 1947 wurde das Lager abgerissen; heute gibt es praktisch keine Spuren mehr davon.)

Zurückgekehrt nach Osnabrück konnte er seine Ausbildung zum Technischen Zeichner fortsetzen und 1947 abschließen, war vorübergehend Landeskanzler der Landesmark Niedersachsen der Pfadfinder und als Technischer Zeichner bei der Osnabrücker Landesbahn tätig. Er schloss sich der Deutschen Jungenschaft dj.1.11 an, organisierte sich in der ÖTV und wurde im Osnabrücker Stadtjugendring und der Gewerkschaftsjugend aktiv. Vorübergehend war er Mitglied des Betriebsrates der Stadtwerke Osnabrück und trat 1958 der SPD bei. 1959 wurde Kuhn Leiter des Förderschulinternates der Arbeiterwohlfahrt in Osnabrück.

Über das Verhältnis Kuhns zur Ideologie von SED und DDR oder ihren Organen liefert „Das Buch EGON“ nur spärliche Erkenntnisse. So gab es familiäre Beziehungen zur FDJ (Cousine und Cousin seien dort Mitglied gewesen, S. 58), auch berichtet er von einer Demonstration der FDJ in Osnabrück (S. 62/63) und seiner Ablehnung der Ehrengerichtsverfahren des Bundes der Pfadfinder (BDP) zum Ausschluss von deren Mitgliedern, die an den Weltjugendfestspielen 1951 in (Ost-)Berlin teilgenommen hatten. Das FDJ-Verbot lehnte er aus recht pragmatischen Erwägungen heraus ab, "denn so stark" sei "der Einfluss der FDJ bei den anderen Jugendverbänden nicht". (S. 63)

Es ergibt sich ein seltsamer Spannungsbogen: Die Eltern sehen selbst Kuhns im Buch beschriebene Hinwendung zu den Pfadfindern, später zur dj.1.11 kritisch und "verglichen unsere Pfadfinderarbeit mit dem HJ-Dienst" (S. 55), für ihn aber ist das Einlaufen "der Roten Marine der UdSSR nach Stockholm" (S. 72) der Höhepunkt eines Schweden-Besuches. Die Zielrichtung seiner politischen Einlassungen in gewerkschaftlichem Kontext folgt dieser Richtung: "Nun versuchte ich, politische Diskussionen in den Kollegenkreis zu transportieren. Das allerdings mit großem Misserfolg. Einige Kollegen sagten schon: Geh lieber nach drüben." (S. 77) Was folgte für Kuhn daraus? "Um bestehen zu können, musste ich eine opportunistische Haltung annehmen." (Ebenda) Der Beitritt zur SPD 1958 dürfte Ergebnis dieser Haltung gewesen sein. Aber: "Was mir allerdings missfiel, war die Diffamierung von ehemaligen KPD-Mitgliedern, wenn die Teilnehmer zu marxistisch oder links mit den Referenten diskutierten.“ (S. 80) Wir werden später sehen, dass Kuhns Kontakte zur FDJ weitaus intensiver waren, als seine autobiografischen Reminiszenzen dies an dieser Stelle hergeben.

1963 wechselte Kuhn als Leiter in ein Lehrlingsinternat der Oberpostdirektion Bremen in Oldenburg, wurde Ortsjugendausschussvorsitzender der deutschen Postgewerkschaft und zum Kreisjugendausschussvorsitzenden des DGB, Kreis Oldenburg, gewählt. Im März 1965 wurde er Leiter des Freizeitheims in Hannover-Linden. Kuhns Entwicklung nach 1965 aus der Sicht von Jonny Peter präsentiert der Aufsatz "Einer, der uns fehlen wird: Egon Kuhn – ein Nachruf".(1)

Ich präsentiere zum bevorstehenden Jubiläum in aktualisierter Form eine zuerst 2021 unter dem identischen Titel auf arrow hallolindenlimmer.de publizierte Dokumentation von Ereignissen aus dem Leben von Egon Kuhn aus der Sicht des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, eines nach dem Vorbild der Repressivorgane der UdSSR geformten Kontrollorgans, das nicht nur das tägliche Leben der Menschen im Osten Deutschlands minutiös auf abweichendes Verhalten zu überwachen trachtete, sondern auch in Westdeutschland erheblich aktiv war, Materialien, die vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) sichergestellt werden konnten und auf Anfrage zur Verfügung gestellt wurden.

OPK Akte

Die dargestellte Sichtweise der Ermittler ist ohne Zweifel - so viel läßt sich vorab sagen - einseitig und grundsätzlich von der paranoiden Vorstellung geprägt, das Gegenüber sei potentieller Feind und als solcher zu behandeln - wie es die psychisch beschädigten Kader mit Russlanderfahrung ihnen als Arbeitsansatz vorgaben und die sowjetischen Besatzer in Fortsetzung der Nazidiktatur praktizierten.

"Zusammenfassender Bericht zum AM 'Egon'

[nach oben]

Der o.g. ist BRD-Bürger und zur Zeit Leiter des Freizeitheimes 'Linden' in Hannover.
K. ist Mitglied der SPD und wird dem linken Flügel dieser Partei zugeordnet. Im Rahmen seiner Parteiarbeit ist er Vorsitzender des Stadtbezirkes Linden-Limmer. Er ist städtischer Angestellter.

K. ist politisch sehr aktiv. Als Persönlichkeit ist er in der Lage, massenpolitisch zu wirken. Von einem großen Kreis der Mitglieder der SPD seines Stadtbezirkes wird er sehr geschätzt und als Vorbild anerkannt.
Auch Genossen der DKP erkennen ihn an und schätzen ihn. Seine politische Einstellung läuft in Richtung der Einstellung der jugendlichen SPD-Anhänger (JuSo).

[Mehrere Passagen geschwärzt]

K. besaß ein sehr gutes Allgemeinwissen und war ein Vertreter der politischen Konzeptionen des westdeutschen Imperialismus. Dieses und andere Einschätzungen zum K. aus dem Zeitraum um 1959 [Hervorhebung von mir, Anm. R.D.] stehen im Widerspruch zu seinen politischen Äußerungen und Haltungen ab 1975.

Von dem IM(2'Karl Langer' gibt es eine Einschätzung zum K. Der IM wird von der Abteilung XV der Bezirksverwaltung Potsdam gesteuert. Im Jahre 1963 hielt sich der IM in Hannover auf. Im dortigen Amerika-Haus wurde vom Stadtsenator für Kulturfragen(3) ein Gespräch über Kulturpolitik organisiert, an dem auch der IM teilnahm. Hier kam es zum ersten Kontakt zwischen IM und dem Kuhn.

In diesem Gespräch versuchte der K. die DDR-Position, daß die Kulturarbeit geplant werden müsse, zu widerlegen. In einem weiteren Einsatz in der BRD im Jahre 1965 hatte der IM wiederum Kontakt zum K.

Der K. zeigte dem IM nach einer Veranstaltung das von ihm geleitete Freizeitheim in Hannover-Linden. Während der Besichtigung des Heimes war der IM Zeuge der Gründung einer neofaschistischen Jugendorganisation der BRD. K. gab gegenüber dem IM an, daß in seinem Haus jede Organisation Veranstaltungen durchführen könne. Für den Inhalt sei er grundsätzlich nicht verantwortlich.
Von 1965-1977 hatte der IM keinerlei Verbindungen zu K. Er war erstaunt, daß bei seiner Einreise 1977 Kuhn ausgerechnet ihn als Gesprächspartner forderte.

Der K. weilte auf Einladung des Komitees Ostseewoche im Sommer 1975 in Rostock.(4) Dort wurde zu DDR-Bürgern (Sportler aus Magdeburg) Kontakt aufgenommen und es erfolgte der Austausch der Adressen. K. hatte danach das Bildungszentrum Magdeburg angeschrieben und um Einreisegenehmigung ersucht. Er wurde von dort nach Potsdam vermittelt. Am 16. 01. 1976 kam es mit der Geschäftsstellenleiterin des Bildungszentrums 'International' Potsdam(5), der Genn. [Abkürzung von „Genossin“, Anm. R.D.] Bade, zur ersten Zusammenkunft.
In persönlichen Gesprächen mit der Genn. Bade als auch mit einem Reisekader der SED-Bezirksleitung zeigte sich K. sehr kritisch in seiner Haltung gegenüber der Politik der BRD und der führenden Sozialdemokratie.
Er ist in vielen Fragen nicht mit der Politik der SED einverstanden. Er tritt für die Aktionseinheit mit den Kommunisten ein.
Alle Versammlungen der DKP aus dem Stadtteil Hannover-Linden werden in dem von K. geleiteten Freizeitheim durchgeführt.
In seiner Eigenschaft als SPD-Vorsitzender muß er bei der Polizei alle Veranstaltungen anmelden und ist folglich bei der Polizei wie auch beim BfV [gemeint ist das Bundesamt für Verfassungsschutz, Anm. R.D.] bekannt.

Dem Gen. Seifert, Sektorenleiter der SED-Bezirksleitung Potsdam wurde von Gen. des DKP-Vorstandes Niedersachsen mitgeteilt, daß Kuhn bei einer SPD-Veranstaltung, an der auch DKP-Mitglieder teilnahmen, einen Agenten des Verfassungsschutzes des Hauses verwiesen hat.
Im Jahre 1959 wurde der K. als ein Vertreter der Konzeption des westdeutschen Imperialismus eingeschätzt. Umstände, die den K. zu einer Änderung seines politischen Verhaltens getrieben hätten, wurden nicht bekannt. Seine demonstrative Handlung 'Hausverweisung eines BfV-Agenten' kommt einer gezielten Aktion gleich.
Dadurch, daß alle Veranstaltungen der DKP im Freizeitheim stattfinden, ist das die beste Kontrolle für die BfV.
Zum anderen muss man feststellen, daß die Position des K. trotz ständigen Kreuzfeuers der rechten SPD-Führung bisher unantastbar war. Zur Beantwortung der Frage, inwieweit hier das BfV Rückendeckung liefert, gibt es bisher keine Anhaltspunkte.

Nach Information eines Einsatzkaders aus dem Jahre 1964 oder 1965 (Name nicht bekannt, kann auch nicht mehr rekonstruiert werden) ging hervor, daß Kuhn [zwei Worte geschwärzt] In welchem Zusammenhang diese Information stand, konnte Gen. Seifert nicht mehr erinnern.

Bei der Einreise des Kuhn am 16. 01. 1976 handelte es sich um Vorabsprachen. Die Delegationsreise erfolgte am 12. 02. 1976. Kuhn reiste zusammen mit der Person [Passage geschwärzt]
Die Übergabe der Berechtigungsscheine für die Einreise des Kuhn erfolgte an der Güst [Abkürzung für Grenzübergangsstelle, Anm. R.D.] persönlich durch die Genn. Bade, da der K. seine Personalien zu spät nach Potsdam geschickt hatte. Die Genn. Bade verwies darauf, daß eine solche persönliche Übergabe der Berechtigungsscheine nur eine einmalige Ausnahme war.
K. äußerte darauf, daß die Post der DDR sehr lange geht, weil der Verfassungsschutz die Briefe kontrolliert. K. war der Meinung, daß er vom BfV überwacht wird und es günstiger wäre, den Brief mit den Personalien der Delegationsmitglieder an die Privatadresse der Genn. Bade und nicht an das Bildungszentrum Potsdam zu senden. [1 ½ Zeilen geschwärzt] Seiner Meinung nach würden dadurch die Briefe nicht mehr 10 Tage unterwegs sein. Die Genn. Bade übergab Kuhn ihre Privatanschrift. Mit diesem Hinweis auf das BfV gab sich der K. einen vertrauenserweckenden Anstrich und erlangte zum anderen zu der [sic!] Privatadresse.
Ein Delegationsteilnehmer stellte der Genn. Bade in einem persönlichen Gespräch die Frage, ob es möglich sei, daß er in absehbarer Zeit mit einer Jugendgruppe zum Bildungszentrum Potsdam einreisen könnte. Von diesem Gespräch muß K. Kenntnis erhalten haben, denn er sprach Genn. Bade kurze Zeit danach an und äußerte den Wunsch, Verhandlungen über weitere Delegationen aus dem Bestand der Delegationsmitglieder selbst mit abzusprechen, auch wenn sie aus der BRD von diesem angeschrieben würde, möchte sie ihn (Kuhn) verständigen.
Der K. hatte der Genn. Bade nach seiner Rückkehr in der BRD einen Brief geschrieben. Dieser Brief ist nach Aussage der Genn. Bade recht persönlich gehalten.
Er trägt die Überschrift 'Liebe Renate' und ist mit 'Dein Egon' unterzeichnet. Diese Form entsprach nicht dem Verhältnis des K. zur Genn. Bade.

Eine für den Zeitraum vom 17.- 20. 06. 1976 geplante Einreise wurde von Seiten von Kuhn abgesagt.

[In der Jahresberichterstattung 1976 des Leiters der Potsdamer Dienststelle findet sich folgende Aussage zu Kuhn: "Bei seinen Einreisen zeigt er sich nur von der positiven Seite. Er prahlt gegenüber unseren Verbindungen mit seinen guten Kontakten zur DKP und machte mehrmals die Bemerkung, daß er deshalb bald aus der SPD ausgeschlossen werde. (…) Bei erneuter Einreise des Kuhn werden mit dem Mitarbeiter der Abteilung II Koordinierungsmaßnahmen festgelegt. U.a. wird ein exponierter IM der Abteilung II in das Blickfeld des Kuhn gerückt. Sollte Kuhn tatsächlich für den Gegner arbeiten, ergibt sich für die DKP eine große Gefahr." (BStU, MfS, HA Abt. II/19 5736, Bl. 0009)]

Nach Ausscheiden der Genn. Bade im Dezember 1976 wurde für das Bildungszentrum Potsdam der Gen. Mummert, Werner eingesetzt.
In einem Brief am 05. 04. 1977 teilte K. mit, daß er und [Worte geschwärzt] am 10. 06. 1977 einreise. Bei dieser Einreise lernte Kuhn den Gen. Mummert kennen.

[Dieses Ereignis schlägt sich im Monatsbericht des International Informations- und Bildungszentrums e.V. Potsdam vom 28. Juni 1977 nieder:

"2.) Aus dem Freizeitheim Hannover-Linden reisten der Leiter, Kollege K u h n und [geschwärzt] in der Zeit vom 10.-12.06.77 nach Potsdam ein.

Er beabsichtigt, im September 1977 mit einer Gruppe von 15 Gewerkschaftern nach Potsdam zu kommen. Das wäre die zweite Gruppe, die der Koll. Kuhn organisiert. Er war bereits zweimal in der DDR, auch zur Arbeiterkonferenz in Rostock.

Das Programm wurde im Groben festgelegt.

Während der Gespräche zeigten sich beide Kollegen aufgeschlossen mit einer positiven Einstellung zum Sozialismus und zur Sowjetunion (die der Kuhn als Mitglied einer Delegation besucht hat) und zur DDR. Obwohl beide langfristig der SPD angehören, stehen sie der SPD-Politik und den Spitzenpolitikern ablehnend gegenüber.

Nach Darlegung des Kuhn steht er der DKP nahe und arbeitet in seiner Funktion eng mit DKP-Genossen und DKP-Funktionären zusammen.

Er betonte mehrfach, daß die DDR seit seinem letzten Aufenthalt auf allen Gebieten, besonders aber dem Bauwesen, sichtbar gewachsen ist.

Dazu vertrat er die Meinung, daß die DDR-Bürger auf ihre erzielten Erfolge zu bescheiden sind. [sic!]

Auf die Frage, warum er noch nicht den Weg zur DKP gefunden habe, erklärte er, daß er nach Ansicht der DKP-Genossen für sie eine bessere Arbeit leisten würde, wenn er Mitglied der SPD bleibt und in dieser Partei für sie arbeitet.

Interessant war zu erfahren, daß sein erster Aufenthalt in der Geschäftsstelle Potsdam eine langanhaltende Wirkung bei den Teilnehmern erzielt und daß in ihrem Ergebnis 3 SPD-Mitglieder zur DKP übergetreten sind und 8 Mitglieder der VVN der BRD geworden sind.

Auswertungen dieser Studienfahrt sind z.B. in das Monatsprogramm des Freizeitheimes Linden aufgenommen worden." (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0014)]

Von K. wurde das Ausscheiden der Genn. Bade bedauert.
Über den Gen. Mummert ließ der K. der Genn. Bade ein Geschenk und einen persönlichen Brief übergeben.
Im Gespräch mit Kuhn stellte sich heraus, daß dieser Mitglied der VVN geworden war. Die VVN setzte sich ursprünglich aus den Verfolgten des Naziregimes zusammen. Aus Gründen der Überalterung und des Zusammenfalls werden BRD-Bürger in die VVN aufgenommen, die sich bereit erklären, gegen Refaschisierung und Antikommunismus zu kämpfen.

Kurz vor der Rückreise aus Potsdam nach der BRD erklärte K., daß er einen Abstecher nach Schönebeck unternehmen wird, um [Wort geschwärzt] zu besuchen.
[Passage geschwärzt]
Während der Einreise wurde bekannt, daß K. auch in anderen Bezirken war, so in Neubrandenburg, 1975, [mehrere Worte geschwärzt] und Rostock 1975 und 1976 (Ostseewoche).

Am 30. 08. 1977 erhielt Gen. Mummert einen Anruf vom FDGB-Bundesvorstand Berlin, Gen. Dr. Egon Springer - Berlin-West, indem [sic!] dieser mitteilte, daß er während der Konferenz der Ostseeländer in Rostock den K. getroffen habe.
Dabei wurde bekannt, daß K. die Orientierung erhalten hat, künftig mit dem Bezirk Magdeburg Einreisen zu vereinbaren.

Die nächste Einreise des K. erfolgte vom 22.-25. 09. 1977, zu den Betreuern gehörte der Gen. Lill, Karl.
Der L. war zu diesem Zeitpunkt Leiter des Kulturhauses 'Hans Marchwitza' in Potsdam. Bei diesem Aufenthalt wurde bekannt, daß sich K. und L. seit 1964 kennen. Damals fungierte Karl Lill als Einsatzkader nach Hannover. [mehrere Worte geschwärzt]

Am 10. 06. 1978 nahm K. an der Arbeiterkonferenz der Ostseeländer in Leningrad teil.

Anfang Juli 1978 wurde seitens der Hauptabteilung VIII ein operativer Einsatz nach Hannover zu einem Kontakt aus der Jura-Delegation (April in Potsdam) durchgeführt.
K. machte Gen. Dr. Springer, Mitarbeiter beim Bundesvorstand des FDGB die vertrauliche Mitteilung, daß er von einem BRD-Bürger, welcher mit einer Delegation in der DDR weilte, einen Brief erhielt. In diesem Brief wurde der Empfänger gebeten, zu einem erneuten Studienaufenthalt in die DDR einzureisen. Als Absender fungierte der Leiter der Geschäftsstelle Bildungszentrum 'International' Potsdam, der diesen Brief im Auftrag der Hauptabteilung VIII/6 Berlin geschrieben hatte.
K. war der Meinung, daß es sich um eine versuchte Verbindungsaufnahme des MfS der DDR handelt. Er habe von der Existenz des Briefes den DKP-Bezirksvorstand Niedersachsen, Gen. Werner Hilke(6), verständigt.

Gegenüber dem Empfänger des Briefes habe K. geäußert, daß es vermutlich eine Provokation des Verfassungsschutzes sein könnte.
Da er jedoch die Handschrift des Geschäftsstellenleiters der genannten Einrichtung persönlich kennt, mußte ihm die Identität klar sein.

K. war am 08. und 09. 07. 1978 gemeinsam mit [Passage geschwärzt] beim Potsdamer Bildungszentrum zu Vorabsprachen für Delegationseinreisen. Er reiste anschließend weiter zum FDGB-Bundesvorstand Magdeburg, um sich dort mit dem Gen. Theo Fähnricht [Richtig: Fähnrich, bis 1983 Sekretär für Internationale Verbindungen beim Bezirksvorstand des FDGB Magdeburg, Anm. R.D.] zu treffen.

Am 07.-12. 12. 1978 erfolgte eine weitere Einreise des K. mit einer Delegation nach Potsdam.
Durch die Bezirksleitung der SED Potsdam, Gen. Seifert, erhielt das BdL [= Büro der Leitung, Anm. R.D.] (II) Potsdam die Mitteilung, daß seit ca. 3 Jahren (ab 1975) bei Reisekader-Einsätzen im Freizeitheim Hannover-Linden (propagandistische Veranstaltungen) keine Beauftragten des Verfassungsschutzes mehr erscheinen.
Der Zeitraum fällt mit dem Beginn der erneuten Einreisen des K. in die DDR zusammen.

Im Jahre 1979 erfolgten nach Potsdam Einreisen zur Vorabsprache (04. 06. – 05. 06. 1979) und zum Delegationsbesuch (11. - 14. 10. 1979).
Durch den Genossen Seifert (SED-Bezirksleitung Potsdam) wurde bekannt, daß K. eine postalische Verbindung zum Schauspieler Minetti, Hans-Peter (ehrenamtlicher Vorsitzender Gewerksch. Kunst)(7) unterhält.
Der Kontakt Kuhn-Minetti ist zurückzuführen auf den Aufenthalt des M. am 15./18. 09. 1979 im Freizeitheim Hannover-Linden.

Nach unserer Kenntnis erfolgte durch K. 1979 noch eine Einreise nach Magdeburg vom 26. 02.-03. 03.
Im Jahre 1980 gab es zwei Einreisen des K. Am 12./13. 04. 80 eine Einreise zur Vorabsprache und am 16./22. 05. 1980 eine Einreise mit Delegation.
Zur Vorabsprache reiste der K. diesmal mit der Person [Worte geschwärzt] in Potsdam ein. [Passage geschwärzt].

K. und [Wort geschwärzt] kennen sich aus ihrer beruflichen Tätigkeit. [Passage geschwärzt]
Ausgehend von der beruflichen Tätigkeit des K. als Leiter des Freizeitheimes Hannover-Linden ist K. dem Leiter des Dezernates Kultur in der Stadtverwaltung Hannover unterstellt. Der Name des selben wurde nicht genannt. [Passage geschwärzt].

Des weiteren ist erwähnenswert, daß der K. von den vorhandenen Fotoaufnahmen der Einreise, wo [Worte geschwärzt] als Betreuerin fungiert, Abzüge haben wollte.
Ihm wurden Bilder ausgehändigt.

Zu Kuhn wurde weiterhin bekannt, daß er mit einer Gruppe von 'Arbeit und Leben' für 14 Tage in Jugoslawien weilte.
Im Jahre 1981 reiste K. mit einer Delegation vom 15. 06. bis 21. 06. 1981 nach Potsdam. Zur Delegation gehörten 10 Personen.
Die Übernachtungen erfolgten im Arbeiterwohnheim des WBK [= Wohnungsbaukombinat, Anm. R.D.] in der Waldstadt.
Vom 13. 11. - 15. 11. 1981 fand im Bildungszentrum Potsdam eine Vorabsprache für die geplanten Kontakte für 1982 statt.
Die Delegation soll demnach vom 14. 6. bis 20. 6. 1982 nach Potsdam einreisen.
An der Absprache nahmen seitens der SPD Kuhn und [Worte geschwärzt] teil.
Seit November 1981 wird die Funktion des Gen. Mummert von der Genn. Küchler wahrgenommen.

Im allgemeinen kann eingeschätzt werden, daß K. bei erfolgten Einreisen nach Potsdam durch die Betreuer des Bildungszentrums einer operativen Kontrolle unterlag.

Der Kuhn ist aufgrund seiner Tätigkeit und seiner Kontakte objektiv in der Lage, auf dem Gebiet der politischen Spionage nachrichtendienstlich tätig zu sein. In seiner Funktion als Leiter des Freizeitheimes Hannover-Linden hat er sich in bezug auf die DKP-Führung eine solche Vertrauensstellung erarbeitet, die es ihm ermöglicht, die Aktivitäten der DKP in Hannover unter Kontrolle zu halten.

Bei seinen Reisen in die DDR erhält er Informationen über die Entwicklung der DDR und hat Kontakte zu Personen bis hin zur Ebene der Bezirksleitung der SED.

Im Prozeß der Klärung und qualifizierten Beantwortung der Frage 'Wer ist wer?' wird der Kuhn bei seiner Einreise im Juni 1982 unter operative Kontrolle gestellt.
Dazu wird ein erfahrener und geeigneter IM ausgewählt und zielgerichtet instruiert. Da bekannt ist, in welchem Unterkunftsobjekt der K. im Juni übernachten wird, wird der Einsatz von besonderen operativen Maßnahmen geprüft.

In Auswertung der Ergebnisse dieser Einreise soll nach Beratung und Festlegung die weitere Entwicklung des Materials entschieden werden.
Als sofortige Maßnahme wird die allseitige speichermäßige Überprüfung des K. und der Kontaktpersonen erfolgen.“

Hier endet der auf den 15. Januar 1982 datierte Bericht der Bezirksverwaltung (BV) für Staatssicherheit Potsdam(8), unterzeichnet vom Referatsleiter der Abteilung II/4, Major Gräber und dem für die bisherigen Maßnahmen zuständigen Oberleutnant Recknagel (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0019-0027). Er ist Teil des Egon Kuhn betreffenden und 259 Seiten umfassenden Konvoluts, das beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) sichergestellt werden konnte und Unterlagen verschiedener Dienststellen des Ministerium für Staatssicherheit (MfS) umfasst - der BV Potsdam, Abt. II (Spionageabwehr) und der Abteilungen II/19 (Politisch-operative Sichtung) und VIII (Beobachtung, Ermittlung) der Hauptabteilung (HA). Ob weitere Unterlagen existiert haben, ist nicht bekannt. Durch die BStU geschwärzte Passagen des Dokuments sind durch möglicher Weise berührte Persönlichkeitsrechte Dritter zu erklären.

 Kuhn wird im Dokument als AM charakterisiert, die Abkürzung für "Agenturischer Mitarbeiter", eine Stasi-Konstruktion, die diverse Abstufungen kennt. Die so genannte "Agenturische Informationsbeschaffung" durch den Geheimdienst unterscheidet zwei grundlegende Arten: die Informationsbeschaffung durch Eigenerkundung und die durch "geheimdienstliche Abschöpfung". Im Falle von Egon Kuhn dürfte letzteres zutreffen, hielt man ihn doch zunächst für einen Agenten des westdeutschen Verfassungsschutzes.(9) Folgen wir den Aussagen des Dokuments, so liegen der Stasi bereits aus den späten 50er Jahren Erkenntnisse über die politischen Auffassungen von Egon Kuhn vor.

Nicht unbemerkt unter "Operativer Personenkontrolle" - Von Anschleusungen, GMS "Nelke" und einem weissen Lada

[nach oben]

Ausgehend vom vorstehend wiedergegebenen "Zusammenfassenden Bericht zum AM 'Egon'" ergreift die Staatssicherheit eine Reihe von Maßnahmen: In einem "Einleitungsbericht" vom 16. Februar 1982 wird vorgeschlagen, "eine OPK(10) über den BRD-Bürger Kuhn, Egon (…) unter der Bezeichnung 'Demokrat' einzuleiten." (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, BD. I, Bl. 0028)

Dabei wird davon ausgegangen, "daß die politische Einstellung des K. in der Zeit um 1959 gegenüber der Zeit ab 1975 eine grundlegend andere ist. Diese Änderung der politischen Einstellung kommt einem 100%igen Gesinnungswandel gleich.
Eine Reihe von Informationen weisen auf die Möglichkeit einer Zusammenarbeit des K. mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz hin. Die andere Gruppe deutet darauf hin, daß K. im Blickfeld des BfV steht und aufgrund seiner politischen Einstellung und seiner DDR-Reisen Konsequenzen zu befürchten hat. Bei dieser Gruppe ist augenfällig, daß Äußerungen und Handlungen des K. demonstrativ wirken und einer gezielten Aktion gleichkommen. Es besteht die Möglichkeit, daß es sich hier nur um lancierte Schutzbehauptungen handelt, die dazu dienen sollen, seine Position zur DKP und zu Funktionären des Bildungszentrums Potsdam zu festigen.“
(BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0033)

Von den oben genannten Grundannahmen ausgehend, formuliert der Dienst drei mögliche Schlussfolgerungen als Basis der geplanten geheimdienstlichen Aufklärungstätigkeit:

"1. Der K. arbeitet seit Ende 1950 für das BfV und nutzt seine Beziehungen und Kontakte, die er aufgrund seiner Tätigkeit im Rahmen der Gesamtdeutschen Arbeit hat. Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre wurde der K. durch das BfV kontinuierlich und gezielt zu einer progressiven Persönlichkeit aufgebaut. Ausgangspunkt ist seine Mitgliedschaft in der SPD und seine zielgerichtete Orientierung auf die Zusammenarbeit von Kommunisten über den linken Flügel seiner Partei.

Ausgerüstet mit einem progressiven politischen Anstrich wird der K. in die Delegationstätigkeit im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit zwischen der DDR und der BRD eingeführt.
Der K. hat über das Bildungszentrum Potsdam Kontakt zu Reisekadern und Funktionären bis hin zur SED-Bezirksleitung Potsdam.
Er nutzt die Delegationstätigkeit zur Erlangung politischer Informationen.

2. Der K. wurde aufgrund seiner Tätigkeit als Leiter des Freizeitheimes Hannover-Linden und seiner vielen Einreisen in die DDR sowie seiner Möglichkeiten, die DKP im Raum Hannover-Linden unter Kontrolle zu halten, in den 70er Jahren durch das BfV angeworben. Die Teilnahme eines BfV-Mitarbeiters an propagandistischen Veranstaltungen, an denen auch DDR-Delegationen teilnehmen, erübrigt sich.
Im Rahmen seiner Reisetätigkeit in die DDR klärt der K. Reisekader und Funktionäre aus dem Bezirk Potsdam auf.

3. Der K. arbeitet nicht für das BfV. Sein Gesinnungswandel ist die logische Antwort auf eine kontinuierliche Rechtsentwicklung in der BRD.

Der K. hat die Gefahr dieser Entwicklung erkannt. Mit seiner Delegationstätigkeit in die DDR will er Gruppen von BRD-Bürgern zeigen, wie die wahren Verhältnisse in der DDR sind.
Der K. ist im Blickfeld des BfV und wird aufgrund seiner progressiven Einstellung bearbeitet." (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0033-0034)

Am gleichen Tag, also dem 16. Februar 1982, legt die Abteilung II/4 der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Potsdam einen umfangreichen "Maßnahmeplan" zur OPK "Demokrat", Kuhn, Egon vor. Er beinhaltet besondere operative Maßnahmen. Der K. soll "bei seiner Einreise im Juni 1982 unter operative Kontrolle gestellt" (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0105) werden und dazu "ein erfahrener und geeigneter IM ausgewählt und zielgerichtet instruiert werden. Die Möglichkeiten des IM 'Sylvia' des Ref. II/4 sind zu prüfen." (Ebenda) Weiterhin soll im Bildungszentrum Potsdam ein geeigneter IM-Kandidat gefunden werden und für die "Erarbeitung von Informationen, die die Vervollständigung des Persönlichkeitsbildes des K. im Bereich des Freizeitheimes Hannover-Linden ermöglichen" (…) "IM aus dem Bestand der Abt. II der BV Potsdam eingesetzt" (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0106) werden. Schließlich soll die HA II/19 zur Problematik politischer Spionage, deren Kriterien, Zielgruppen, Mittel und Methoden des BfV konsultiert werden, die speichermäßige Überprüfung des K. in den Speichern der Abteilungen XII, VI, M (= Überwachung von Brief- und Paketverkehr) und PZF (= Post- bzw. Paketzollfahndung) erfolgen und Kuhns Unterschrift beschafft werden.

Am 5. April 1982 legen Major Gräber und Oberleutnant Recknagel einen "Plan zur Anwendung der operativen Kombination zur OPK 'Demokrat'" (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0108-0112) vor. Als "Ausgangsinformation" (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0105) führen sie die Aussage eines inhaftierten BND-Spions ein, der 1965 den Verdacht geäußert habe, "daß Kuhn für das BfV" (Ebenda) arbeitet. Sodann wird die "Zielstellung der Kombination zur OPK 'Demokrat'" (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0109) formuliert, die in der "Erarbeitung operativ-bedeutsamer Informationen entsprechend der Zielstellung der OPK in be- bzw. entlastender Form, da es Hinweise der möglichen Verbindung des K. zum BfV gibt" (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0109), "Schaffung der Grundlagen für die Anschleusung von inoffiziellen Kategorien an den K." (Ebenda), "Realisierung dieser gezielten Anschleusungen" (Ebenda) und dem "Ausbau der entstandenen Kontakte" (Ebenda) bestehe.

Die Gelegenheit zur Umsetzung dieser "Kombination" soll die Einreise Egon Kuhns mit einer Delegation von 18 BRD-Bürgern bieten, die für den 14. - 20. Juni 1982 geplant ist. Das Bildungszentrum International wird angewiesen, daß die Delegation in der Zeit eine bestimmte Speisegaststätte ("Klub der Architekten") aufsucht, wo der Einsatz der IMS(11) "Sylvia" erfolgen soll (die auch dort tätig ist). "Für die Anschleusung wird die Tatsache genutzt, daß K. von einem seiner Persönlichkeitsmerkmale her ein 'Frauenheld' ist und auf diesen Typ von Frau steht, den IMS 'Sylvia' verkörpert" (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0110). Im für K. vorgesehenen Zimmer im Bauarbeiterwohnheim des WBK-Ost werden "besondere operative Maßnahmen durchgeführt" (Ebenda) (also Abhöreinrichtungen installiert). "Der GMS(12) 'Nelke' ist offizieller Betreuer der Kuhn-Delegation" (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0111) und soll die operative Personenkontrolle gewährleisten (GMS "Nelke" war bereits im Vorjahr für die Delegation zuständig. Wie in grundsätzlich allen DDR-Veröffentlichungen schlägt das generische Maskulinum durch - obwohl es sich bei der GMS um eine Frau handelt.). Eine weitere Betreuerin wird für eine Gruppenreise nach Dresden akquiriert. Sie kennt Kuhn von Delegationsreisen 1980 und 1981 und darf "unter der Legende 'Anerkennung ihrer für das BZI geleisteten Arbeit'" (Ebenda) teilnehmen. Eine Beobachtergruppe der Abt. VIII soll den K. ab Ende des offiziellen Teils "bis zu seiner Nachtruhe und während seiner Rückreise“ (…) "unter Kontrolle" (Ebenda) halten. Die Dienststelle geht davon aus, dass Kuhn auf der Rückreise wieder in Schönebeck Halt macht, die Beobachtung dort bis hin zur Güst wird die Abt. VIII der BV Magdeburg übernehmen. Eine geplante Kulturveranstaltung im Kulturhaus "Herbert Ritter" wird ein IM der Abt. II/4 übernehmen, der dort angestellt ist.

Eine Fülle von Absprachen folgen, am 8. April erfährt der "Maßnahmeplan" eine Ergänzung, der GMS "Nelke" soll aus dem FIM(13)-System einer anderen Dienststelle herausgelöst werden, um ihn besser steuern zu können, verschiedene Abschöpfungen und Gespräche zur Vorbereitung von Einsatzkräften werden fixiert.

Eine erste Abschöpfung erfolgt am 13. April 1982, die relevante Erkenntnisse liefert: Eine Kontaktperson bestätigt, daß Kuhn vor 1960 Mitglied der FDJ war und nach eigenen Angaben Kontakt zu deren Zentralrat hatte. Mit Geldern des Zentralrates wurden Veranstaltungen in der BRD finanziert. "Aufgrund der Verbindung zum Zentralrat hätte man ihm unterstellt, er arbeite für die DDR." (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl 0019) Außerdem habe er Kontakt zu Personen der Bezirksleitung der SED in Potsdam aufgenommen, weil sich dort eine Fahne der "Aufständigen“ [sic!] des Kieler Matrosenaufstandes befinden soll, die ihn interessierte. Der Informant verwies weiter darauf, dass Kuhn in der Vergangenheit Zeitungsausschnitte aus der "UZ", in denen über das Freizeitheim Hannover-Linden berichtet wurde, an das BZI Potsdam schickte. In den Berichten wurde u.a. auf die Unterstützung von Versammlungen der DKP durch das Freizeitheim und dessen Leiter hingewiesen. Schließlich brachte der Informant sein eigenes und das Erstaunen anderer Betreuer der Kuhn-Delegation über "das so offene, nach links gerichtete Auftreten des K., seine Versuche der Aktionseinheit mit der DKP und deren Unterstützung trotz seiner Mitgliedschaft in der SPD und trotz Radikalenerlaß" (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0020) zum Ausdruck. "Sie können sichnicht [sic!] erklären, warum er so eine 'Narrenfreiheit' genießt." (Ebenda)

Auch in einem ersten Gespräch mit dem GMS "Nelke" (die den K. seit mehr als zwei Jahren kennt) am 4. Mai 1982 kommen die "lautstark" vertretenen politischen Äußerungen des K. zur Aktionseinheit mit den Kommunisten zur Sprache. Auf Fragen äußerte K. "daß er von der Stadt Hannover Rückendeckung erhält." (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0161)

Am 3. Juni werden auf der Basis der getroffenen Absprachen konkrete Aufträge fixiert, neben "Nelke" auch für den langjährigen Bekannten Kuhns, den IM "Karl Langer" (im Auftrag fälschlicherweise als "Langner" bezeichnet), eine "Nostalgie" genannte Person und diverse andere. Eine der Kontaktpersonen wird genauestens mit der Übergabe der Zimmerschlüssel im Bauarbeiterwohnheim des WBK/Ost beauftragt, Kuhn soll das Zimmer 10 zugewiesen werden, mit dem Hinweis, "daß in diesem Zimmer, im Gegensatz zu den anderen, ein Fernseher steht." (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 292)

In einem Aussprachebericht der Potsdamer Dienststelle vom 9. Juni über eine Absprache mit dem Leiter der Abteilung II der BV Magdeburg wurden die "Vorbehalte des Vorsitzenden des BV der DKP Niedersachsen, Gen. Kampe"(14) (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0145) als operativ neu und bedeutsam eingeschätzt und "Demokrat" (Kuhn) entsprechend der Gründe für die Einleitung der OPK weiter belastet. Zwei Sachstandsberichte der Magdeburger aus 1978 bzw. 1981 bestätigen die Skepsis der Potsdamer Dienststelle gegenüber Kuhn und bestärken den ambivalenten Eindruck der Ermittler:

1975 nahm Kuhn demnach auf Empfehlung des DKP-Bezirksvorstandes Niedersachsen Kontakt zu "International e.V." in Potsdam wegen der Organisation von Besuchsdelegationen auf. Die erste Einreise einer Delegation erfolgte am 3. Dezember 1975, danach jährlich 2 - 3 Delegationseinreisen. Bei den Einreisen gab es keine politischen Provokationen, alles verlief friedlich. Die Magdeburger konnten sich auf Angaben der Potsdamer stützen, wonach "Kuhn ein Sympathisant der DKP sei. Er ist mit mehreren Funktionären der DKP befreundet, so auch mit den Bezirkssekretär für Wirtschaft und Sozialpolitik, Genossen Werner Hilke. Kuhn ist langjähriger Funktionär des Ortsvorstandes der SPD in Hannover und ständiger Teilnehmer der Arbeiterkonferenzen der Ostseeländer. Kuhn stellt die Räume des Freizeitheimes vorwiegend für Veranstaltungen der DKP zur Verfügung. Nach Einschätzung der DKP hat er sogar Versammlungen der CDU ausfallen lassen, um der DKP das Vorrecht einzuräumen." (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0147) Die Magdeburger bestätigten bereits 1978, daß seit "ca. 3 Jahren (…) bei Reisekader-Einsätzen im Freizeitheim Hannover Linden (propagandistische Veranstaltungen) keine Beauftragten des Verfassungsschutzes mehr" (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 147) erscheinen, andererseits Kuhn auf die "Frage von DDR-Betreuern ob er wegen seiner DDR-Kontakte und seiner offiziell bekannten positiven Haltung zur DKP keine Repressalien zu befürchten habe, erklärte" (…) "daß er in der SPD einen solchen Stand habe, wo er sich bestimmte Dinge herausnehmen kann, ohne dafür bestraft zu werden." (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0147-0148) Die Magdeburger bringen das Dilemma auf den Punkt: Einerseits teilen sie die Auffassung, "daß der Kuhn zur weiteren Verstärkung des Besuches von Delegationen von Gewerkschaftern aus der BRD beitragen kann" (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0149), andererseits: "Wenn der Kuhn weiter für das Landesamt für Verfassungsschutz Niedersachsen arbeitet, dann besteht die Gefahr, daß er seine Kontakte in der DDR für staatsfeindliche Tätigkeit ausnutzt. Außerdem wird er dann auch die Funktionäre des DKP-Vorstandes aufklären, zu denen er nach eigenen Angaben gute persönliche Verbindungen hat.“ (Ebenda) Die Magdeburger dokumentierten bereits 1981 einen weiteren operativ-relevanten Fakt: Zwei weitere bei Kuhn im Freizeitheim tätige Personen werden von der Dienststelle erfaßt - und bringen schließlich die Überlegung ins Spiel, die Kuhn-Delegationen nicht mehr nach Potsdam, sondern nach Magdeburg einreisen zu lassen und "Möglichkeiten und Maßnahmen zum Schutz der DKP Niedersachsen abzusprechen.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 159)

Die Kuhn-Delegation reist wie geplant am 14. Juni (allerdings nur mit 12 Personen, davon 4 aus dem Freizeitheim "Weiße Rose") ein und die großangelegte Observierung beginnt (wie aus dem Bericht vom 15. Juni 1982 hervorgeht). Allerdings klappt nicht alles nach Plan: Kuhn erhält von der Kontaktperson nicht wie geplant den Schlüssel zur Wohnung Nr. 10 des Bauarbeiterwohnheims, sondern den zu Nr. 8. Damit fällt die Abhöraktion und auch ein intensiverer Kontakt zu IMS "Sylvia“ flach. ("Maßnahmen“ im Bericht: "Aufgrund der fehlerhaften Auftragsrealisierung bei der Schlüsselübergabe macht sich eine Überprüfung der operativen Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit der [Name der Kontaktperson geschwärzt] notwendig.") (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0029). Ansonsten ergeben sich für die Ermittler reichlich Erkenntnisse zu den politischen Auffassungen Kuhns - gleich am ersten Tag beim Diskussionsabend zum Thema "Grundfragen zur Erhaltung des Friedens und die darauf gerichtete Außenpolitik der DDR" in der Geschäftsstelle des BZI (mit einem Gesprächsleiter vom Institut für Internationale Beziehungen). Er offenbart, dass Anlass für sein politisches Engagement "eine Begegnung mit sowjetischen Menschen in Saporoshez in einem dortigen Kaufhaus" sei. "Kuhn war begeistert, wie sich einfache sowjetische Menschen für die Weltpolitik interessieren und ganz spontan diskutierten. Mittels Dolmetscher schaltete sich Kuhn indiese [sic!] Diskussion ein. Zur Friedensbewegung äußerte Kuhn, daß ihre politische Bedeutung nicht überschätzt werden darf und daß in ihr der Antikommunismus stark ausgeprägt ist. Die politische Untermauerung der Friedensbewegung fehlt noch. Im weiteren Verlauf der Diskussion äußerte Kuhn den Gedanken, warum die DDR-Führung die Losung 'Pflugschare statt Schwerter' [sic!] für ihre Zwecke nicht nutzt. Sie hätte die Möglichkeit, die Aufkleber mit dieser Losung in Unmengen zu vertreiben.“(15) (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0028) Und plaudert weiter aus dem Nähkästchen: "Es kann angenommen werden, daß Kuhn möglicherweise eine beamtete Position als Leiter des Heims besitzt. Dies ergibt sich u.a. daraus, daß er den Posten eines Wirtschaftsleiters seines Hauses neu zu besetzen habe, es hierfür als Kandidatin ein DKP-Mitglied gäbe, er diese aber nur einstellen könne, wenn sie die Aufnahme in die Beamtenlaufbahn erreichen würde.“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0031) GMS "Nelke“ formuliert diesen Fakt - dokumentiert im "Treffbericht“ vom 17. Juni - etwas abweichend: Demnach erhielt die "DKP-Genossin“ (…) "Berufsverbot und damit war klar, daß sie diesen Posten nicht erhalten kann. Egon sagte, daß er daran auch nicht rüttelt.“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0037)

Die Darstellung seiner eigenen politischen Position macht Kuhn unmißverständlich klar: "Kuhn betonte seine engen Beziehungen und Sympathien für die DKP und meinte, der würde auch der DKP als Mitglied beitreten, wenn ihm nicht aus materiellen Gründen dass Hemd näher als die Jacke [sic!] sei. (…) In der Wertung des 1960 durch Wehner herbeigeführten außenpolitischen Gleichschaltungsbeschlusses der SPD(16) mit der CDU/CSU vertrat er die Auffassung, dies werde noch einmal als eine der großen strategischen Leistungen Wehners in die Geschichte der Arbeiterbewegung eingehen.“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0032) Er verwies weiter auf einen "frühzeitigen (50 er Jahre) ersten, offensichtlich wiederholten Besuch in der UdSSR“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0033) und dort geführte Gespräche "mit einem ZK-Mitglied(17) sowie mit Jugendlichen.“ (Ebenda) Ein Verweis auf die Überlegenheit des Sozialismus durfte nicht fehlen: "Im Rahmen eines Meinungsaustausches über Fragen der Arbeitslosigkeit und die Chancen der Jugend in der BRD räume Kuhn ein, daß die DDR hier ihre Überlegenheit demonstriere, dies aber von vielen Jugendlichen in der DDR nicht genügend hoch eingeschätzt werde.“ (Ebenda) Der "Treffbericht“ (Quelle: GMS "Nelke“) vom 16. Juni 1982 fixiert weitere Erkenntnisse: "Er [gemeint ist Egon Kuhn, Anm. R.D.] muß ganz ordentliche Kontakte zum Oberbürgermeister der Stadt Hannover(18) haben, der der SPD angehört, denn er sagte, daß der übergebene Porzellanteller ein Gastgeschenk des Oberbürgermeisters an das Bildungszentrum International ist. Auf Grund der Verbindungen im Rahmen der SPD, seiner Stellung als VVN-Vorsitzender und der Lage des Freizeitheimes in einem traditionellen Arbeiterviertel kann Kuhn sich etwas leisten, was andere Personen in seiner Funktion sich nicht herausnehmen können.“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0035) Natürlich achtete der GMS auftragsgemäß darauf, "ob Kuhn für militärische Objekte oder andere Anlagen“ (…) "Interesse zeigt“, aber "als die Fahrt an militärischen Objekten vorbeiging, Sperrgebiet, schlief Kuhn.“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0038) Auch finanzielle Fragen werden thematisiert: "Eine zweite Unterstellung [des Freizeitheims und damit Kuhns, Anm. R.D.] erfolgt auf finanziellem Gebiet. Irgendein nicht genannter Finanzgewaltiger prüft jede Rechnung auf deren Richtigkeit. Dies ausnutzend organisiert das Freizeitheim 'Linden' auch Veranstaltungen für die VVN und finanziert diese und muß darauf achten, daß eben alle Belege ordnungsgemäß abgerechnet werden.“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0036) Die im "Treffbericht“ fixierten „Maßnahmen“ zeigen die verfestigte Skepsis der MfS-Kader: "Information zu Kuhn aufarbeiten zur Vervollständigung des Persönlichkeitsbildes und der evtl. Hintermänner, einschließlich Vorbereitung Überprüfung Operationsgebiet.“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl. 0039)

Ein weiterer Treff mit GMS "Nelke“ erweist sich erneut als ergiebig: "Egon Kuhn erklärte dem GMS, daß er nicht zur Friedensdemonstration in Bonn war, weil er Terminschwierigkeiten hatte. Durch die DDR-Reise konnte er auch nicht am Pressefest der DKP-Zeitung „UZ teilnehmen. Seiner Meinung nach werden dort bestimmt viele nach ihm fragen. Als der GMS dem Egon Kuhn die Frage stellte, ob er wegen seiner politischen Tätigkeit keine Angst vor dem 'Abschießen' hat, verneinte er das. Er antwortete, daß die fachlich nichts gegen ihn haben. Außerdem können sie das nicht wagen, da das Freizeitheim Linden in einem Arbeiterbezirk liegt und die Arbeiter sich für ihn einsetzen würden.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0181) "Angst hat Egon Kuhn nur, wenn an ihn am Montag, dem 21. 06. 1982 in der Tagung des Kulturausschusses die Frage gerichtet würde, wo er sich in der letzten Woche aufgehalten hat. Im Kulturausschuß wird eine Anfrage der CDU zur politischen Situation im Freizeitheim Linden behandelt.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0182-0182) "Die Ausschußsitzung steht unter Leitung des SPD-Mitgliedes und Kulturamtsleiters Wuttig(19) (o.ä.).“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0182) "Er bat den GMS nachhaltig darum, sich nicht ausbooten zu lassen, wie das schon mit [Name geschwärzt] passiert ist. (…) Als der GMS dem Egon Kuhn scherzhaft die Frage stellte, daß dann ihre Privatreise, die Egon Kuhn dem GMS 'Nelke' angeboten hatte, wohl ins Wasser fallen werde, sagte er, daß er fleißig spart, um 1983 mit dem GMS in die UdSSR zu fahren. Der GMS glaubt, daß sie als Frau auf Egon Kuhn Eindruck hinterlassen hat.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0183) So viel Einsatz will honoriert sein: Am 16. Juni spricht Oberleutnant Recknagel GMS "Nelke“ Dank und Anerkennung aus und überreicht ein Präsent.Der "1. Zwischenbericht zur OPK 'Demokrat'“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0037-0055), den Major Gräber und Hauptmann Lembcke am 19. August 1982 vorlegen, bringt neue Fakten, lässt allerdings die Hauptfrage, ob Egon Kuhn für das Bundesamt für Verfassungsschutz arbeitet, weiter unbeantwortet - sowohl Verdachtsmomente, die sich auf Kuhns Einreise im Rahmen einer Osnabrücker Delegation des "Jugendkuratoriums“ 1959 bezogen, als auch die "Behauptung eines nicht identifizierten Einsatzkaders aus dem Jahre 1964/65“, konnten nicht präzisiert werden.

Die Durchleuchtung der Studiengruppe (darunter 9 Leiter bzw. Angestellte aus Freizeitheimen der BRD) liefert interessante Erkenntnisse für die Ermittler: Demnach sei Kuhn "Sekretär oder Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Linden-Limmer(20), wahrscheinlich auch Funktionär der übergeordneten SPD-Organisation. Weiterhin ist Kuhn Mitglied der Gewerkschaft ÖTV und in dieser Mitglied des Personalrats. Außerdem ist Kuhn Vorsitzender der VVN Hannover. Er war offizieller Gast des VI. DKP-Parteitages(21) und des Bundeskongresses der VVN in Mannheim(22).“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0044) Was die politische Einstellung und Haltung Kuhns angeht, wurde festgehalten, daß er "wegen seiner 'linken' Position in der SPD und seinen Verbindungen zur DKP keine Repressalien befürchtet“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0045), wofür als Grund u.a. die "gute Verbindung zum SPD-Landesvorstand Hannover und zum Oberbürgermeister der Stadt Hannover“ (Ebenda) angeführt werden. "Mögliche Konsequenzen werden nur aus der finanziellen Notlage der Stadt erwartet und für den Fall, daß der Kulturamtsleiter am 21. 06. 1982 in einer Tagung des Kulturausschusses 'umfallen' würde. Bisherige Versuche, z. B. ein Parteiordnungsverfahren 1976 und [Passage geschwärzt], den Kuhn zu disziplinieren, haben nach Meinung von Kuhn seine 'linke' sozialdemokratische Position nicht verändert.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0045)

"Kuhn betonte seine engen Beziehungen und Sympathien für die DKP und meinte, er würde auch der DKP als Mitglied beitreten, wenn ihm nicht aus materiellen Gründen das Hemd näher als die Jacke sei.“ (Ebenda) Allerdings hat sich mittlerweile die Position der DKP zu Kuhn verändert. Offenbar hat der 1. Sekretär des Bezirksvorstandes der DKP Niedersachsen Heinz Kampe seine Ansicht zu Kuhn relativiert. War er 1976 noch "befriedigt über die Einladung des Kuhn nach Potsdam, weil dieser
- über das Auftreten eines DKP-Redners im FZH abstimmen ließ, so daß dieser sprechen konnte und die SPD daraufhin ein Parteiordnungsverfahren einleitete (nach Kuhn wurde dieses Verfahren nicht durchgeführt, weil der SPD-Vorstand genug eigene Sorgen hatte;
- bei einer SPD-Veranstaltung einen Agenten des Verfassungsschutzes des Hauses verwiesen hat;
- der DKP die Nutzung des FZH als Versammlungsort ermöglicht.“
(BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0045-0046)
Nun aber brachte Kampe Vorbehalte gegen Kuhn zur Ausdruck:
"-DKP-Freizeitheimleiter in der BRD haben von der DKP die Orientierung, keine DKP-Veranstaltungen in den von ihnen geleiteten FZH durchzuführen. Egon Kuhn drängt dagegen auf die Durchführung von DKP-Veranstaltungen im FZH Linden;
- Er beschwerte sich, daß die SDAJ jetzt ihre Veranstaltungen meist woanders durchführt.
- Der Sekretär des Bezirksvorstandes der DKP, Gen. Werner Hilke, hält sich sehr oft im FZH Linden auf und verkehrt mit Kuhn [Passage geschwärzt] Deshalb befürchtet Gen. Kampe, daß Gen. Hilke Interessen der DKP gegenüber Kuhn preisgibt.
Kuhn ist Verehrer des SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner und in Opposition von Brand [sic!] und Bundeskanzler Schmidt.“
(BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0046)

Die Verbindungen und Kontakte Kuhns hat der Dienst inzwischen auch ermittelt, darunter "Politbüromitglied Gen. Hager(23) (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0047), den 1. Sekretär der Bezirksleitung Magdeburg ("Vorstellung der offiziellen Gäste des VI. DKP-Parteitages Hager - Kuhn“) (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. Ebenda) und den ehrenamtlichen Vorsitzenden der Gewerkschaft Kunst und Schauspieler, Hans-Peter Minetti [eine weitere Person geschwärzt] (Ebenda). "Seit 1975 ist Egon Kuhn Delegierter der ÖTV zu den Arbeiterkonferenzen der Ostseeländer und war mehrfach in Rostock sowie 1978 in Leningrad. [Passage geschwärzt]
Grundlage der Vielzahl von Kontakten sind die häufigen Reisen des Egon Kuhn, z.B.:

1972 UdSSR, Ungarn

1974 Spanien, UdSSR

1975 Rostock (2 x), Potsdam (1 x)

1976 Polen, Potsdam (3 x), Rostock (1 x)

1977 Dänemark, Potsdam (2 x), Rostock (1 x)

1978 UdSSR, San Marino, Ungarn, Rumänien
Potsdam (4 x), Erfurt (1 x)

1979 Potsdam (2 x), Magdeburg (1 x)

1980 Jugoslawien, Potsdam (3 x)

1981 Potsdam (1 x), Rostock (1 x)

1982 Potsdam (1 x)

(Übersicht unvollständig)

So will Egon Kuhn anläßlich eines Aufenthaltes in der UdSSR auch Kontakt zu einem Mitglied des ZK der KPdSU erhalten haben.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0047-0048)

Als "operativ-bedeutsam“ könnten nach Auffassung der Berichterstatter seine Verbindungen zur DKP, namentlich zu Heinz Kampe, "Klaus Döpke, Mitglied des Bezirksvorstandes Niedersachsen(24), Werner Wilke, Mitglied des Bezirksvorstandes Niedersachsen [weitere 4 Namen geschwärzt] sowie zu folgenden BRD-Personen" [sein]:
"- Otto Brache, Bürgermeister a.D.
- Friedel [eigentlich Friedrich, Anm. R.D.] Theilmann, DGB-Vorsitzender
- Fritz Maiwald, Kreisvorsitzender der VVN-Bund der Antifaschisten
- Prof. Wolfgang Abendroth
- Franz Josef Degenhardt, Liedermacher“
(BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0048)

Der Zwischenbericht hält schließlich fest, dass die Beschattung durch die "eingesetzten Kräfte“ nicht unbemerkt blieb: "Bei der Beobachtung [Worte geschwärzt] hat sich die Abteilung VIII dekonspiriert, was vom GMS 'Nelke', der KP 'Küchler' sowie der Abteilung 26 bestätigt wurde. Wo [Wort geschwärzt] den weißen Lada der Abteilung VIII hinter sich merkte, wurde nicht bekannt. (…) Von der festgestellten Beobachtung informierte [Wort geschwärzt] die gesamte Studiengruppe, in der dieser Sachverhalt unterschiedlich bewertet wurde (Beobachtung bzw. versuchte Kontaktaufnahme zum Zweck des illegalen Geldumtausches).“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0049) Kuhns Reaktion auf die "Dekonspiration“ wird als eigenartig bewertet. Bei einer abendlichen Feier zog er sich zurück, beobachtete die Gruppe, beteiligte sich nicht an der Diskussion und wirkte nicht "entsprechend seiner sonst betonten positiven Haltung“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0050) auf die Gruppe ein.

Die Stasi-Ermittler entschließen sich, zu den bisher konsentierten Versionen zum Status von Egon Kuhn (nach denen er entweder Spion des BfV/LfV ist und deren operative Bearbeitung vortäuscht oder vom BfV operativ bearbeitet wird), eine dritte als möglich anzusehen, nämlich "daß Egon Kuhn im Auftrag oder mit wohlwollender Unterstützung/Duldung der SPD auf Landesebene bzw. nachfolgender Ebenen eine Politik betreibt, die sich gegen die (rechte) Parteispitze der SPD richtet.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0054)

Ein "2. Maßnahmeplan zur OPK 'Demokrat'“ wird notwendig, weil Kuhn und zwei weitere Personen vom 16.-18. 11. 1982 nach Potsdam einreisen, nach der Visite folgt ein weiterer Zwischenbericht. Natürlich war fleißig abgehört worden:

"In der Nacht vom 17. zum 18. 11. 1982 äußerte sich Egon Kuhn [Passage geschwärzt], daß er mit Beginn des Delegationsaustausches 1957/68 ein gutes Verhältnis zum [Passage geschwärzt] hatte. So will Kuhn in Anwesenheit von [Passage geschwärzt] einen ZK-Mitarbeiter wegen dessen '150%igen' Auftretens aus der Wohnung des [Passage geschwärzt] gewiesen haben, um sich von diesem 'Oberkumo' [sic!] nicht den aufgebauten Kontakt zu [Worte geschwärzt] zerstören zu lassen. In diesem Zusammenhang sagte Egon Kuhn, daß diese FDJ-Delegation Potsdam/Brandenburg 1500,-- DM an eine Deckadresse in Westberlin übersandt hatte. Diese Deckadresse hat dieses Geld per Postanweisung an Egon Kuhn geschickt. Der Erhalt des Geldes durch Kuhn wurde von einem SPD-Mitglied kontrolliert und er stellte Egon Kuhn daraufhin auf einer SPD-Parteisitzung zur Rede.
Als Nebensatz, deutlich leiser gesprochen, sagte Kuhn, daß dieses SPD-Mitglied gleichzeitig 'V-Mann' gewesen sein. NachAuskunft der HA II/19 wurde dieser Begriff 'V-Mann' auf Personen in der BRD angewandt, die Verbindung zum Verfassungsschutz hatten.
Die Überweisung des Geldes durch die FDJ war nach Darstellung von Egon Kuhn als Äquivalent für die finanziellen Aufwendungen der BRD-Betreuer (Kuhn/[Wort geschwärzt] u.a.m.) bei der Betreuung der FDJ-Delegation im Operationsgebiet gedacht.“
(BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0060)

Die Sorgen der DKP haben sich derweil verstärkt: "Durch Konsultationen (HA II/19 und II/7 Magdeburg) wurde bekannt, daß der DKP-Parteivorstand und der 1. Sekretär der DKP-BV Niedersachsen [Heinz Kampe, Anm. R.D.] überzeugt ist, daß eine Quelle des BfV/LfV(25existiert, die im DKP-BV Niedersachsen arbeitet bzw. enge Verbindungen auf der Ebene 'Mitglied des BV' unterhält.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0061)

Das erfordert weitere Aufklärungsmaßnahmen: "Laut 'UZ'-Mitteilung vom 16. 11. 1982 findet eine Veranstaltung des DKP-Parteivorstandes zum Thema: 'Friedensbewegung in der DDR – gibt’s die?' auch im Freizeitheim Linden statt (23. 11. 1982, 19.30 Uhr). Da zwei Reisekader der SED-BL Magdeburg zum Einsatz kommen, ist abgesprochen, die Rolle Egon Kuhn's im Verhältnis zur DKP nach seiner Rückkehr aus Potsdam weiter aufzuklären.
Der Vergleich des Verhaltens des Egon Kuhn zur DKP im Operationsgebiet ist deshalb sehr notwendig, weil Widersprüche in seiner Einstellung sichtbar wurden.
Bei den offiziellen Verhandlungen im BZI e.V. Potsdam trafen alle drei BRD-Bürger positiv im Sinne der DDR auf. In der Unterkunft dagegen, nur im Beisein von [Worte geschwärzt] äußerten sie wiederholt ihre Geringschätzung gegenüber der DKP und der DDR.“
(BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0062)

Womöglich haben es die Aufklärer gar mit einer konzertierten Aktion zu tun? "Durch zwei, dem Charakter nach Abschöpfungsgespräche zur inneren Lage der DDR, wurde die Version bekräftigt, daß Egon Kuhn andere Delegationsteilnehmer, insbesondere [Worte geschwärzt] bei ihrem möglichen nachrichtendienstlichen Einsatz in der DDR abdeckt, bzw. mit diesen arbeitsteilig vorgeht.“ (Ebenda)

Folglich bietet man Informationen an: [Name geschwärzt] hat ihr Vertrauen und wurde gezielt abgeschöpft. Er offenbarte:
- sich als Kritiker der Staats- und Gesellschaftsordnung der DDR mit teilweise negativ bis feindlicher Einstellung : („... die kapitalistische Gesellschaftsordnung ist immer noch lukrativer als der sozialistische Weg ...“)
- daß er nicht genehmigte NSW-Beziehungen über Dritte (Verwandte) unterhält und übermittelte dazu für den Gegner auswertbare aktuelle Daten ;
- daß er empfänglich für NSW-Güter ist.

Des weiteren verriet er die gesamte innere Lage der DDR (z.B. Kader-und Strukturprobleme des ZK, des Kreises Königs Wusterhausen, Politbüro- und SED-BL-Beschlüsse zur Versorgungslage, Inhalte von FDGB-Leitungssitzungen, Stimmung und Reaktion der Bevölkerung u.a.).“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0064)

Was das Persönlichkeitsbild Egon Kuhns anbelangt, so gibt es neue Erkenntnisse: "Egon Kuhn ist leitend in der VVN tätig. Er verurteilte, daß viele DKP-Mitglieder aus der DKP austreten aber in die VVN eintreten.“ Das passt nicht zu den Erkenntnissen der Stasi-Ermittler: "Der Hauptabteilung II/19 liegen jedoch gesicherte Erkenntnisse vor, daß das BfV VVN-Mitglieder anwirbt, um indirekt in die DKP vorzudringen. Das BfV unterläuft damit im wesentlichen die Parteikontrolle.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0065)

Die Situation hat sich zugespitzt: Nach Ansicht der Stasi-Ermittler kommt nicht nur Kuhn als Agent des BfV in Betracht, sondern auch mindestens ein weiterer Teilnehmer der Delegation. Da bereits der Termin der nächsten Delegationseinreise nach Potsdam bekannt ist (5.-11. 9. 1983) kann die "Vorbereitung einer operativen Kombination zur weiteren Klärung der operativ-bedeutsamen Anhaltspunkte“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0067) in Angriff genommen werden.

Ein Bericht der Abt. II/4 der Stasi-BV Potsdam vom 24. Januar 1983 erhellt noch einmal die Osnabrücker Zeit Kuhns "dem damaligen Gewerkschaftsvorsitzenden der Jugend des [sic!] ÖTV“, seine Beziehungen zu einem "damaligen DDR-Einsatzkader“ und "dem [Name geschwärzt] der FDJ-Bezirksleitung und BfV-Spion [Hervorhebung von mir, R.D.]. (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0067) Demnach hielt sich Mitte 1959 eine Delegation der FDJ der DDR(26) in Osnabrück auf, die von Kuhn betreut wurde. „Die FDJ-Delegation blieb ca. 8 Tage länger als geplant in Osnabrück. Das soll durch die Abteilung GDA [vermutlich Abkürzung für Gesamtdeutsche Jugendarbeit, R.D.] im ZR [gemeint ist der Zentralrat der FDJ, R.D.] gebilligt worden sein. In den Gespräche [sic!], insbesondere mit Egon Kuhn, wurde die Idee der Gründung eines Kuratoriums 'Junges Deutschland' geboren, eines Ablegers des Kuratoriums 'Unteilbares Deutschland'“. (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0079) Im Juli 1959 erfolgte ein weiterer Delegationsbesuch, die Verhandlungen über die Gründung des Kuratoriums wurden - diesmal unter Teilnahme eines Vertreters des Osnabrücker Stadtjugendrings - fortgesetzt und es kam - auf Wunsch der FDJ-Delegation - zur Bildung eines "Arbeitskreises der Jugendbewegung“. Die FDJ bedauerte bald darauf den eigenen Vorstoß: "Politisch wurde u.a. dadurch die FDJ von der Arbeiterjugend ferngehalten und geriet unter Einfluß der 'rechten SPD' und CDU-Politik.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0080) Die am Vorschlag beteiligten Kader wurden ausgewechselt. Als eine Delegation aus Osnabrück vom 18.-20. September 1959 nach Potsdam einreiste, zeigten sich die politischen Konsequenzen - auch durch die Zusammensetzung der westdeutschen Delegation: Neben Kuhn (für die ÖTV-Jugend) nahm ein Vertreter der evangelischen Jugend teil (der zugleich die CDU und den Alpenverein und verschiedene Jugendorganisationen vertrat), ein Vertreter des Klöckner Konzerns [im Dokument als Glöckner bezeichnet, Anm. R.D.] und ein „Sympathiesant [sic!] der SPD“. (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0041) Für Kuhn verlief die Zusammenkunft unbefriedigend: "Egon Kuhn erklärte aufgrund der scharf geführten Diskussionen, daß, wenn die im Juni und Juli 1959 in Osnabrück eingesetzten Leute aus der DDR so wie hier diskutiert hätten, diese Verbindung niemals zustande gekommen wäre. (…) Folgerichtig lehnt Egon Kuhn auch eine Einreise zum 10. Nationalfeiertag der DDR(27) ab (...)". (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0081) Von all diesen Ereignissen erfährt man in "Das Buch EGON“ nichts.

Als Ergebnis der neu gewonnenen Erkenntnisse, so die Ermittler, "kann die Version abgeleitet werden, daß [Worte geschwärzt] und Kuhn im Auftrage des BfV in einem operativen Spiel gegen das MfS mitwirken.
Zielstellung könnte die Irreführung des MfS bei der Durchführung der OPK 'Demokrat' sowie der Schutz von BfV-Quellen in der BRD, Kuhn-Delegation bzw. in der DDR sein.“
(BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0084-0085)

Am 25. Januar 1983 legen Hauptmann Lembcke und der nunmehrige Leiter der Abteilung II, Oberstleutnant Klaus Gesierich, einen 3. Maßnahmeplan und einen "Plan zur Vorbereitung der Durchführung einer operativen Kombination zur OPK 'Demokrat'“ vor. Als Ziele werden nun neben der offensiven Klärung und beweiskräftigen Sicherung der "operativen-bedeutsamen Anhaltspunkte für eine Spionagetätigkeit des Egon Kuhn“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0128) auch die Überprüfung der Ehrlichkeit des IM "Knuth“ genannt.

Am 8. Februar reisen die Verantwortlichen der Potsdamer Dienststelle nach Berlin, um sich dort mit der HA II/19 auszutauschen. Bei dieser Gelegenheit erhalten sie von dort einen Bericht vom 8. Dezember 1967, der eine absurd wirkende Beobachtung dokumentiert:

"Während der Protestdemonstration in Hannover gegen den NP-Parteitag [sic!] wurde über den Leiter des Freizeitheimes Hannover, Egon Kuhn, folgende Beobachtung gemacht:

Als sich der Demonstrationszug in Bewegung setzte, unterhielt sich Kuhn mit zwei abseits stehenden Ausländern. Diese beiden Ausländer sprachen englisch mit amerikanischem Akzent.

Kuhn streute am nächsten Tag das Gerücht aus, er habe diese Ausländer nur aus Versehen angestoßen. Kuhn hatte normalerweise keinen Anlaß zu einer derartigen Entschuldigung, so daß dieses dieses [sic!] den Verdacht erhärtet, daß er engeren Kontakt zu diesen Ausländern unterhält, die einem ausländischen Geheimdienst angehören könnten.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0246)

Die Vorbereitungen für den Besuch der Kuhn-Delegation im November 1983 schreiten voran, die diesmal in Pätz im Ferienheim der VEB Untergrundspeicher Mittenwalde untergebracht ist. Folglich ist eine enge Absprache mit dem Leiter der KD KWh (= Kreisdienststelle Königs Wusterhausen, Anm. R.D.) erforderlich, der Objektleiter erhält Anweisung, dass er die Reisegruppe unterbringt, die besonderen op. Maßnahmen abdeckt und sichert, aber auch einen Bungalow für das MfS bereitstellt und die "Legendierung der Anwesenheit der op. Mitarbeiter“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0271) übernimmt. Der Leiter der KD genehmigt den stellvertretenden Leiter der VEB als Gesprächspartner und empfiehlt den zielgerichteten Einsatz der Leiterin der E.-Thälmann-Gedenkstätte Ziegenhals, Genn. Weiß und ihres Stellvertreters "Gen. Gen.Ltn. a.D. [Ewald] Eichhorn, ehemaliger Stellvertreter des Ministers des Innern“. (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0272) "Da keine Vorsitzenden der Blockparteien in KWh operativ nutzbar sind“, soll noch der "Gen. Wuttig, Siegfried, Sekretär für Agit./Prop. Der SED-KL [=Kreisleitung, Anm. R.D.] KWh“ (Ebenda) zu Rate gezogen werden.Die Behörde befindet sich in einer prekären Situation: Vom 1.-4. September halten sich acht DKP-Mitglieder der Stadtteilgruppe Hannover-Linden in Genthin auf (die abzuschöpfen sind), am 6. September findet in Pätz eine Tagung von Regimentskommandeuren statt, bei der diese "u.a. an Modellen mit den neuen Grenzsicherungsanlagen vertraut gemacht werden“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0274) sollen, vom 3.-5. September wird sich Ex-Kanzler Helmut Schmidt in Potsdam aufhalten - und das Besuchsprogramm der Kuhn-Delegation ist mehr als ambitioniert: vorgesehen sind u.a. Besuche des DEFA-Dokumentarfilmstudios in Babelsberg, der Ernst-Thälmann-Gedenkstätte Ziegenhals, der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, des Heimatmuseums Neuruppin und der Volkskammer. Außerdem muß davon ausgegangen werden, daß Kuhn wieder einen Abstecher nach Schönebeck unternehmen will. Die konkrete Planung wird im "4. Maßnahmeplan zur OPK 'Demokrat'“ vom 31. August festgehalten.

GMS "Nelke“, für die Delegation zuständig, erstattet regelmäßig Bericht, gleich am 5. September finden drei Treffen statt, die Pässe der Delegationsmitglieder werden ausgewertet, die Zimmer verteilt. "Aus dem Verhalten des Egon Kuhn war abzuleiten, daß Egon Kuhn versucht, mit den anwesenden Frauen anzubändeln.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0193) Das kennen die Stasi-Leute schon.

Hauptmann Lembcke ist derweil aus Genthin zurück und berichtet vom Austausch mit dem Leiter der KD, Gen. Major Müller, dem op. Mitarbeiter, Gen. Ofw. [= Oberfeldwebel, Anm. R.D.] Schmächtig und dem "Betreuer“, Gen. Dr. Seiß, Ulli, Leiter der Kreisschule M/L [= Marxismus-Leninismus, Anm. R.D.] der SED-KL Genthin, über den Aufenthalt der DKP-Stadtteilgruppe Hannover-Linden. Das Gespräch erwies sich allerdings in Bezug auf Hinweise zu Kuhn als wenig ergiebig, lediglich in Gewerkschaftsangelegenheiten gab es eine berichtenswerte Entwicklung: "Die DKP-Gruppe hatte über ihre Arbeit bis dahin nur mitgeteilt, daß aufgrund der politischen Lage der Kreisvorsitzende des DGB in Hannover sich gewandelt hat und jetzt bereit ist, mit DKP-Mitgliedern bei politischen Aktionen zusammenzugehen.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0276)

Ergiebiger ist ein weiterer Bericht von GMS "Nelke“ vom 6. September: "Aus den Reden von Egon Kuhn konnte der GMS entnehmen, daß dieser Ortsvorstandsvorsitzende [sic!] der SPD und Mitglied des Landesvorstandes der VVN (Hamburg und Niedersachsen) ist. Er begrüßte die Gespräche zwischen Spitzenpolitikern der BRD und der DDR. Besonders lobte er die Rolle, die der Genosse Honecker spielt. Er bedauert aber, daß die SPD nach wie vor in Fraktionen zerfallen ist, die sich untereinander streiten.
Positiv bewertete er, daß jetzt der DGB, erstmalig am 01.09.1983 in Hannover an der Friedensbewegung teilgenommen hat. Es waren zwar nur 40 Personen, aber damit wurde der Anfang gemacht.
Egon Kuhn muß 1982 im Zuge der Wahlvorbereitung eine politische Krise gehabt haben.
Damals hatte die mit ihm zusammen arbeitenden [Name geschwärzt] und [Name geschwärzt] den DKP-Aufruf unterschrieben, und sollten aus der SPD ausgeschlossen werden.
Der am Gespräch teilnehmende [Worte geschwärzt], bestätigte, daß Egon Kuhn deswegen aus der SPD austreten wollte. Er hat ihm [sic!] aber zurecht gestützt [sic!] und danach hat Egon Kuhn das Austrittspapier zerrissen.“
(BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0195)

Der Abschlußbericht über den Besuch der Gruppe vom 15. September, unterzeichnet von Erica Leow, bringt keine wesentlich neuen Erkenntnisse. "Beeindruckte in der Volkskammer vor allem die Gesprächsführung der beiden Mitarbeiter, so war es beim Gespräch über die Blockpolitik vor allem das Auftreten der 3 Vertreter der befreundeten Partei, ihr offenes Bekenntnis zur Führungsrolle der SED, aber auch die Darstellung ihrer persönlichen Entwicklung, was einen starken Eindruck hinterlies [sic!]. (…) Im Ergebnis der durchgeführten Aussprachen wurde sichtbar, daß sich die meisten Gruppenmitglieder [Passage geschwärzt] intensiv mit der Geschichte beschäftigen. Das zeigte sich bei Fragen zur Aktionseinheit zwischen KPD und SPD beim Berliner Verkehrsarbeiterstreik 1932 [sic!], aber auchbeim [sic!] Vorhaben der Genossen um Egon Kuhn, in Hannover an der Stelle, wo Ernst Thälmann eingesessen hat, eine Gedenktafel für Ernst Thälmann anzubringen.“(28) (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. II, Bl 0166-0167) Für Dezember 1983 wurde die Vorabsprache für einen Delegationsbesuch 1984 geplant, der vom 18.-24. Juni 1984 stattfinden soll.

Legenden, kaum Arbeiter, eine fiktive Adresse und plötzlich Schluss

[nach oben]

Der "Bericht über eine Absprache mit der HA II/19 zur den OPK "Demokrat“ und [Passage geschwärzt]vom 4. November 1983 von Major Lembcke ist fast eine Sensation: Der anwesende Vertreter des FDGB-Bundesvorstands, Gen. Wenzel, präsentiert die "Kontrollfeststellung“, dass "die Kuhn-Delegation vom Profil nicht den Festlegungen der Westarbeit/Internationale Verbindungen des FDGB entspricht und deshalb in Zukunft nicht mehr betreut werden sollte“, vor allem aber seien durch "die wiederholt eingesetzten Betreuer [Name geschwärzt] und [Name geschwärzt] zu enge persönliche Beziehungen hergestellt“ worden "und deshalb für diese Delegation nicht mehr einzusetzen ...“. (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 278)

Was wird passieren? "1. Der Abteilungsleiter Westarbeit/Internationale Beziehungen des FDGB-BV wird durch die HA II/19 informiert, daß das Interesse des MfS an der Kuhn-Delegation nicht mehr besteht []. 2. Die bevorstehende Einreise der OPK-Personen Kuhn und [Name geschwärzt] vom 02. - 04. 12. 1983 zielgerichtet unter Kontrolle zu halten, […]. 3. Die OPK 'Demokrat' zeitweilig einzustellen und durch Folgemaßnahmen festzustellen, ob Kuhn und [Name geschwärzt] auf privater Basis bestrebt sind, ihre DDR-Kontakte aufrechtzuerhalten, [...]. 4. Beweise zu erarbeiten bzw. offiziell zu machen, auf deren Grundlage der Abschluß der OPK [Passage geschwärzt] mit Entfernung aus der Funktion nicht nur als Betreuer, sondern als Sekretär des FDGB-Kreisvorstandes gewährleistet werden kann.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0279) Es werden also in jedem Fall Köpfe rollen …

Am 16. November 1983 erkundigt sich schon mal der Leiter der Kreisdienststelle Schönebeck bei Major Lembcke, was denn zu tun sei, wenn Kuhn am 4. Dezember dort Verwandte besucht. Dann aber tut Lembcke alles, um den FDGB zu briefen. Im Bericht von den diesbezüglichen Kontakten mit dem Sekretär für Internationale Beziehungen/Westarbeiter des FDGB-Bezirksvorstandes Potsdam, Gen. [Norbert] Fiebelkorn, wird der erst einmal gebeten, beim FDGB-Bundesvorstand anzurufen, um zu erfahren, wie man sich dort den Fortgang der Angelegenheit vorstellt. Der dortige politische Mitarbeiter, Gen. Kain, war der Meinung, dass Fiebelkorn die Vorverhandlung mit Kuhn und einer weiteren Person übernehmen solle.

Folgende Legende soll angewendet werden: Fiebelkorn soll als verantwortlicher Mitarbeiter des Bildungszentrums International auftreten und mitteilen, dass Potsdam "wegen fehlender Unterbringungsmöglichkeiten zuständigkeitshalber nur noch Tageseinreisen von Berlin (West) übernimmt.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0216) So geschieht es: Am 2. Dezember wird im BZI verhandelt, am 3. zusammen in Berlin zu Abend gegessen (mit anschließendem Kegeln).

"Kuhn erklärte, daß er viel Unannehmlichkeiten in der SPD hat. Er geht dann mit der DKP gemeinsam, wenn gleiche Ziele bei Aktionen vorliegen. Desweiteren nimmt er DKP-Mitglieder in die DDR mit, die er kennt, weil sie im Freizeitheim mitwirken.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0217)

Fiebelkorn präsentiert die Ausladung für 1984 und führt dabei zwei neue Gründe ein: "die Betreuung der Kuhn-Delegation“ sei "finanziell zu aufwendig (minus ca. 1000,- DM“ und "dieser Delegation“ gehören "fast immer die gleichen Leute und kaum Arbeiter" an "(zwei Drittel der Teilnehmer)“. (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0218) Die Reaktion? "Kuhn und [Name geschwärzt] reagierten sachlich. Egon Kuhn erklärte, daß sie ihre Leute, die so oft mitkommen, als Multiplikatoren ihrer Arbeit im Freizeitheim und auch bei der Einreise in die DDR gegenüber den neuen Teilnehmern nutzen. Er wäre bereit, die Zusammensetzung der Delegation entsprechend dem BZI-Wunsch in Zukunft zu verändern. Kuhn erklärte, daß er sich viel Arbeit ersparen würde, wenn er nicht mehr kommen darf. Aber diese Arbeit sei ihm so an Herz gewachsen, und sie wäre auch günstig für seine Arbeit, deshalb möchte er sie fortsetzen.“ (Ebenda) Der weitere, unbekannte Teilnehmer des Gesprächs (auch Leiter eines Freizeitheimes) "war über die Ausladung schockiert“ […] "hielt sich dann aber an die Festlegungen des Gen. Fiebelkorn. Er ordnete sich sehr unter und äußerte keine eigene Meinung. Er 'kratzte' vor Kuhn ...“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0219). Beim Treffen am Folgetag versuchten beide, Fiebelkorn umzustimmen: "Egon Kuhn erzählte, daß er die DDR-Kontakte über Dr. Egon SPRINGER vom FDGB-Bundesvorstand erhalten hat. Er erkundigte sich auch nach diesem. Der Kontakt war auf einer der Arbeiterkonferenzen der Ostseeländer entstanden. Auf solch einer Konferenz in Leningrad will er direkt hinter dem Gewerkschaftschef der UdSSR, Gen. SCHIBAJEW(29), gesessen [!] haben. Kuhn zeigte dem Gen. Fiebelkorn den Teilnehmerausweis von dieser Tagung, die ca. 1981/82 durchgeführt wurde."(30) Kuhn weiter: "Er kannte viele FDJ-Funktionäre, die sich bei ihren Aufenthalten in der BRD sehr schlecht benommen haben. Sie hatten viel Westgeld und kauften in der BRD erstmal für sich ein. Das mißbilligte er und viele Leute in der BRD.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0219) Mehr noch: "Egon Kuhn betonte, daß er als weitere Möglichkeit beabsichtigt, den Oberbürgermeister von Hannover zu beeinflussen, damit dieser bereit ist, Verbindung mit dem Bürgermeister von Plauen, Gen. BALLHAUSE(31), aufzunehmen. Derzeit steht der Oberbürgermeister der 'Ostarbeit' von Kuhn noch skeptisch gegenüber. […] Politisch betonten sie beide, 'linke Sozialdemokraten' zu sein, die an Aktionseinheit interessiert sind, aber ihre Freizeitheime parteineutral führen.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0220) Und dann passierte Fiebelkorn noch ein Malheur: Er übergab aus seiner Studentenzeit an der Gewerkschaftshochschule Bernau ein Exposé über "Entwicklung des Liedes in der internationalen Arbeiterbewegung bis 1960“ (darin sind auch Namen von Lehrern und Mitstudenten enthalten) - und war bei Kuhns Frage, wohin er dies denn zurückschicken soll so perplex, dass er eine fiktive Adresse angab. Er hat sich dann noch verbessert und die Adresse seiner Eltern (!) angegeben, später noch die Adresse der Geschäftsstelle in Berlin. Natürlich hat er inzwischen Schritte eingeleitet, um ein Schreiben an die Berliner Geschäftsstelle umzuleiten.

Am 16. Januar 1984 hat Major Lembcke in Anwesenheit vom Gen. Major Kase von der Abt. II/8 ein weiteres Gespräch mit Fiebelkorn. Der berichtet von einem Gespräch mit dem Leiter des Sektors 70, Gen. [Fritz] Seiffert. "Der Sektorenleiter hat, um Protesten der DKP vorzubeugen, mit der BL [= Bezirksleitung, Anm. R.D.] Magdeburg gesprochen und die Bitte geäußert, daß der DKP-Bezirksvorstand Niedersachsen informiert wird, daß die Kuhn-Delegation nicht mehr von Potsdam betreut werden kann, sondern das [sic!] Kuhn sich zuständigkeitshalber an Magdeburg wenden möchte.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0222) Einen Brief von Kuhn hat Fiebelkorn nicht erhalten, bei seinen Eltern auch nachgefragt. Ob der an die fiktive Adresse gegangen ist?

Am 23. Januar 1984 kommt es zu einer Absprache zwischen Lembcke von der Potsdamer Abt. II/4 und dem "Leiter der Auswertung“ der HA II/19, Gen. Major Enke, sowie dem Referatsleiter des FDGB-Bundesvorstands, Gen. Major Wenzel. Dabei sagt Enke zu, nachträglich zu ermitteln, ob Kuhn und "der DKP-Funktionär Werner Hilke an der Arbeiterkonferenz in Leningrad teilgenommen“ haben und an "welchen Konferenzen Kuhn teilgenommen hat“. (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0281-0282)

Am 16. Februar 1984 versucht Lembcke mit der Magdeburger (Gen. Major Meyer, Ref.-Ltr. II/6) und Schönebecker Dienststelle (Gen. Hptm. Schott, stellvertretender Ref.-Ltr.) die weitere Durchführung der OPK "Demokrat“ abzuklären - mit frustrierendem Ergebnis: Sowohl der FDGB-Bezirkssekretär für internationale Beziehungen/Westarbeit als auch der Leiter der BZI e.V. Magdeburg sind von ihren Funktionen entbunden worden. Damit ist klar, dass Kuhn nicht vom BZI e.V. Magdeburg betreut werden kann. "Desweiteren wird unverbindlich gegenüber dem Sektor 70 geäußert, daß 'Kuhn Sorgen' bereitet. In diesem Zusammenhang wird an Bedenken führender DKP-Mitglieder aus Niedersachsen, insbesondere Kempe [sic!] erinnert. Erreicht werden soll, daß über die spezifischen Verbindungen der SED-BL Magdeburg zum DKP-Bezirksvorstand Niedersachsen bei der DKP Überprüfungen zu Kuhn eingeleitet werden.“ (BStU, MfS, BV Potsdam AOPK 497/89, Bd. I, Bl. 0284)

Der letzte Akt im vorliegenden Stasi-Konvolut ist der Abschlußbericht zur OPK "Demokrat“ vom 7. Februar 1989, neun Monate vor Öffnung der Mauer. Wieder wird auf die Aussage eines inhaftierten Spions des BfV von 1965 Bezug genommen, der eine Person [Name und weitere Angaben geschwärzt] "seit dem Jahre 1957 im Auftrag des BfV fortlaufend zum Persönlichkeitsbild charakterisierte“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. V, Bl. 0048) und auch engen Kontakt zu Kuhn hatte. Erneut wird die Überzeugung des DKP-Parteivorstands und des 1. Sekretärs des DKP-BV Niedersachsen wiedergegeben, "daß eine Quelle des BfV/LfV existiert, die im DKP-BV arbeitet bzw. enge Verbindungen zu unterhält“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. V, Bl. 0049) und darauf hingewiesen, daß Kuhn eng mit einem Mitglied des DKP-Bezirksvorstandes verkehrt. Am 17. Dezember 1982 war die OPK durch die Einbeziehung einer weiteren Person erweitert worden, wobei "sich neben persönlichen Beziehungen während gemeinsamen Einreisen geteilte Informationsinteressen sowie Anhaltspunkte für ein mögliches arbeitsteiliges Vorgehen in Gesprächen mit DDR-Gesprächspartnern“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. V, Bl. 0050) zeigten. Ob Kuhns "sympathisierende(s) Verhältnis zur DKP“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. V, Bl. 0051), der Verweis eines BfV-Agenten aus dem Freizeitheim und die "Tatsache, daß im Freizeitheim keine BfV-Beauftragten mehr erscheinen“ (Ebenda) Kuhns "ehrliche Meinung zur Arbeit des BfV verdeutlichen oder ob sie zielgerichtet durch den BfV inszeniert wurden, um Kuhn näher an DKP zu führen, konnte nicht geklärt werden.“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. V, Bl. 0051) "Spionagerelevante Verhaltensweisen, [...] konnten nicht erarbeitet werden, die den Verdacht einer agenturischen Tätigkeit für den BfV begründet hätten.“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. V, Bl. 0052) "Beweise, daß Egon Kuhn und [Name geschwärzt] Agenten des Verfassungsschutzes sind und gegen die DDR arbeiten, wurden im Rahmen umfangreicher operativer Kontrollmaßnahmen nicht erbracht.“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. V, Bl. 0054) "Die [...] eingeräumten Kontakte standen zum größten Teil unter operativer Kontrolle, so daß begünstigende Bedingungen für mögliche Abschöpfungshandlungen, wie das Geltungsbedürfnis der Person [Name geschwärzt] rechtzeitig erkannt und vorbeugend ausgeräumt werden konnten.“ (Ebenda) Demzufolge wurde "das Bildungszentrum in Potsdam beauflagt, die Arbeitskontakte zur Reisegruppe Kuhn zu lösen.“ (Ebenda) "Da daraufhin die Delegationsreisen nach Potsdam eingestellt und Anfragen des KUHN negativ beantwortet wurden und bisher auch keine Privateinreisen der OPK-Personen erfolgten, wird vorgeschlagen, die OPK 'Demokrat' einzustellen und das Material in der Abteilung XII archiviert zur Ablage zu bringen“ (BStU, MfS, BV Potsdam, AOPK 497/89, Bd. V, Bl. 0055) - was auch geschah.

Schlussbemerkung

»Es kreißen die Berge,
zur Welt kommt nur ein lächerliches Mäuschen.«
(Horaz, Ars poetica)

Was haben wir von den Angaben zu halten, die den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit zu entnehmen sind? Egon Kuhn ein "Vertreter der Konzeptionen des westdeutschen Imperialismus“, der womöglich für den westdeutschen Verfassungsschutz tätig war? Ist das vorstellbar?

Wir haben die perfiden Strukturen eines totalitären Überwachungsstaats und seiner Vollstrecker gesehen, dem - ausgeprägte Denunziationsgewohnheiten aus der Zeit des Faschismus nutzend - alle/s und jede/r unterworfen wird und für den es nur die Kategorien von Freund-/Feind-Denk- und Handlungsschemata gibt. Persönliche Schwächen werden gnadenlos für die eigenen Ziele genutzt, Abweichler in den eigenen Reihen nach Belieben ausgewechselt und bestraft. Primär gilt es, die Interessen des eigenen Staates zu wahren und durchzusetzen, dazu waren und sind Hilfstruppen im Westen, wie die DKP und deren Trabanten, zwar nützlich, aber nicht wirklich von Bedeutung.

Historische Bündnisse in der Arbeiterbewegung sind bestenfalls zeitweiliger Natur. Für romantische, nicht zuletzt selbstverliebte Vorstellungen - wie die von Egon Kuhn - war in der DDR kein Platz. Es ist schwer vorstellbar, dass ein aufgeklärter Zeitgenosse die Mechanismen, nach denen die DDR funktionierte (nicht zuletzt nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD auf ihrem Staatsgebiet), nicht durchschaute und weiter für die Aktionseinheit mit den Kommunisten eintrat. Kann man wirklich ohne Ironie davon sprechen, dass Egon Kuhn "neue politische Ideen lernte“?

Überdies wundert man sich, mit welcher Offenheit Kuhn Interna an die ostdeutsche Seite weitergab, sowohl was seine berufliche Situation als auch die in der eigenen Partei, der SPD, anbelangt - musste er doch spätestens nach dem Vorfall mit dem weissen Lada von einer Überwachung ausgehen. Seine Haltung offenbart andererseits das Dilemma einer Partei, die den Zustrom von "Genossen" zu bewältigen hatte, die sie aus opportunistischen Gründen als politische Heimat wählten, sich aber durchaus anderen Zielen tief verbunden fühlten. So offenbart sich ein tiefer Riss, der die Partei durchzog und heute noch durchzieht.

Alle beisammen

Doch davon lebt sie zugleich und konnte Bindungskraft für verschiedene Milieus entwickeln, speziell in einem ursprünglich von der Arbeiterschaft geprägten Stadtteil wie Linden. Angesichts des drastischen Rückgangs der Arbeiterschaft und des Zustroms intellektueller Kräfte, bot sich seinerzeit die Möglichkeit, wirkliche und vermeintliche Traditionen der Arbeiterbewegung aufzugreifen und zu stilisieren - zu einem festgefügten Weltbild, das folgerichtig Matadore wie Egon Kuhn (oder meinetwegen auch Gerhard Schröder) hervorbrachte, die diese Entwicklung zur eigenen Überhöhung nutzten.

Raimund Dehmlow 

Fußnoten

[nach oben]

1) Jonny Peter: Einer, der uns fehlen wird: Egon Kuhn - ein Nachruf. In: Lindenspiegel. 23. Jg, Februar 2019, S. 1-2

2) Inoffizieller Mitarbeiter (IM) - war in der DDR die MfS-interne Bezeichnung für eine Person, die dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS, auch "die Stasi") gezwungenermaßen oder freiwillig verdeckt Informationen lieferte oder auf Ereignisse oder Personen steuernd Einfluss nahm, ohne formal für diese Behörde zu arbeiten. Mit seinen zuletzt rund 189.000 Angehörigen deckte das Netz aus inoffiziellen Mitarbeitern nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche der DDR ab und bildete somit eines der wichtigsten Herrschaftsinstrumente und Stützen der SED-Diktatur. (Quelle: Wikipedia)

3) Es dürfte der damalige Kultur- und Sportdezernent (1959-1975) Heinz Lauenroth (SPD) gemeint sein.

4) Die Ostseewoche war eine, von 1958 bis 1975 in der DDR jährlich veranstaltete, internationale Festwoche. Veranstalter des Kultur- und Sportfestivals war der Gewerkschaftsbund FDGB, der jeweils gleichzeitig in Rostock die "Arbeiterkonferenz der Ostseeländer, Norwegens und Islands“ durchführte. Das Ziel dieser Konferenz und der Ostseewoche war es, die Beziehungen der DDR zu den nordeuropäischen Ländern zu entwickeln und für die staatliche Anerkennung der DDR zu werben. Die Teilnehmer kamen aus der Bundesrepublik Deutschland, den anderen Ostseeanliegerstaaten, aus Norwegen und Island. (Quelle: Wikipedia)

5) International - Informations- und Bildungszentrum e.V. (1974-90). Nach der internat. Anerkennung der DDR kam es in den 70er Jahren verstärkt zu offiziellen Kontakten zwischen den Gewerkschaften des DGB und dem FDGB. Der BuV hielt es nun nicht länger für zweckmäßig, dass Vorstände des FDGB daneben informelle Kontakte zu einzelnen Gewerkschaftern der BRD unterhielten. Da jedoch das ZK der SED darauf bestand, solche Kontakte weiter zu pflegen, wurde dafür eine offiziell unabhängige Einrichtung in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins geschaffen. Auf der Grundlage der Beschlüsse des Sekr. des FDGB-BuV vom 29.8.1973 und 28.11.1973 wurde auf der Mitgliederversammlung am 31.1.1974 das I.-I.u.B.e.V. gegründet (Vgl. a. zur Zielstellung Westarbeit). Als Mitglieder fungierten v.a. Mitarbeiter der Westabt. sowie der Leiter der Abt. Bundesfinanzen, Harri Weber. Den dreiköpfigen Vorst. bildeten der Vors. des Vereins, Erich Sussujew, vertreten durch Helmut Dunkel, und der stellv. Vors. Harri Weber. 1976 wurde der Vorst. um zwei weitere Mitglieder erweitert. Der Vorst. berief den Geschäftsführer, 1990 war dies Harry Kein. Als Zweck des Vereins wurde Information über die DDR und ihre Gewerkschaftspolitik angegeben. Dazu wurden Studien- und Urlaubsreisen für Gewerkschafter und Gruppen aus der BRD angeboten und Kontakte unterhalb der offiziellen Ebenen vermittelt. Seine Geschäftsräume befanden sich in Berlin in der Dimitroff-(heute Danziger) Straße. Der Verein betrieb ein Gästehaus in Rostock-Gehlsdorf. Die Besucherzahl stieg von 2000 im Gründungsjahr auf 13165 im Jahre 1988 an, darunter etwa 2000 Besucher, die über die DKP bzw. die SEW vermittelt wurden. Der Verein wurde unter der Nr. 462 in das Vereinsregister beim Präs. der VP in Berlin eingetragen und am 30.3.1976 vom MdI genehmigt. Nach außen hin scheinbar selbständig, war der Verein tatsächlich ein Sektor in der Struktur der Westabt. Er sollte zunächst auch nach der Reorganisation des FDGB 1990 weitergeführt werden (GV 31/90 vom 7.3.1990). Dazu wurde die Revision der Satzung und die Neuwahl des Vorst. auf der Grundlage des neuen Vereinigungsgesetzes der DDR vom 21.2.1990 vorgesehen. Der GV benannte für den Vereinsvorst. sein Vorstandsmitglied für Finanzen und Vermögen, Klaus Umlauf. Weitere Vorstandsmitglieder sollten die IG Metall, IG Druck und Papier sowie die Gew. Unterricht und Erziehung benennen. Der Verein wurde einer der Gesellschafter der VVG GmbH. Am 30.5.1990 beschloss der GV des Gewerkschaftlichen Dachverbandes jedoch, den Verein I.-I.u.B.e.V. aufzulösen und den Gesellschaftsanteil an die Einzelgewerkschaften zu übertragen. (Quelle: FDGB-Lexikon, Berlin 2009)

6) Werner Hilke war in den 1950er Jahren Orts-Jugendausschuss-Vorsitzender der Graphischen Jugend, die damalige Jugendorganisation der IG Druck und Papier. Im Jahr 1959 wurde er DGB-Kreisjugend-Ausschussvorsitzender. Ein Jahr später gab der damals 20-Jährige dieses Amt an Werner Tschischka ab und bekleidete es erneut zwischen 1963 und 1967. Werner Hilke war so automatisch auch Mitglied im Orts- und Bezirksvorstand der IG Druck und Papier und im DGB-Kreisvorstand. In den 1960er Jahren engagierte sich Hilke außerdem als Betriebsratsmitglied bei der Druckerei H. Osterwald (Quelle: DGB-Maizeitung 2015)

7) Minetti, Hans-Peter (*21. April 1926 - 10. November 2006) - Geb. in Berlin als Sohn des Schauspielers Bernhard Minetti, Volks- und Oberschule, Abitur; 1943 RAD, 1944/45 Wehrmacht; 1945/46 Studium der Philosophie und Kunstgeschichte an der Univ. Kiel, ab Herbst 1946 an der Univ. Berlin, anschl. Studium in Hamburg und 1949/50 am Theaterinstitut in Weimar, 1950 Diplom-Schauspieler; 1946 Mitgl. der KPD, 1950 der SED; ab 1950 Schauspieler am Wandertheater "Junges Ensemble“ ab 1952 Engagement am "Mecklenburgischen Staatstheater“ Schwerin, später am "Maxim-Gorki-Theater“, 1956-59 am "Deutschen Theater“, anschl. an der "Volksbühne“ und am "Berliner Ensemble“ Mitwirkung an zahlreichen DEFA- und DFF-Filmen; 1958 KdZK, 1986-89 MdZK der SED; 1966-74 Vors. des ZV der Gew. Kunst, 1968-72 Mitgl. des FDGB-BuV; 1974-87 Dir./Rekt. der Staatl. Schauspielschule "Ernst Busch“ 1975-89 Präs. der Ges. "Neue Heimat - Vereinigung in der DDR für die Verbindung mit Bürgern deutscher Herkunft im Ausland“, 1984-89 Präs. des Verbandes der Theaterschaffenden der DDR. A.H. (Quelle: FDGB-Lexikon, Berlin 2009)

8) Die Bezirksverwaltung Potsdam des Staatssicherheitsdienstes war die personell am stärksten besetzte Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR. Insgesamt 9.287 inoffizielle Mitarbeiter übten im Auftrag der BV für Staatssicherheit des MfS (Stand 31.12.1988) in Potsdam eine konspirative Tätigkeit aus. (Quelle: arrow https://www.gvoon.de/bezirksverwaltung-bv-staatssicherheit-bvfs-potsdam-ministerium-staatssicherheit-mfs-ddr.html)

9) Agenturische Informationsbeschaffung - Die Informationsbeschaffung durch geworbene Agenten gegnerischer Geheimdienste wird grundlegend in zwei Arten unterschieden. Auf der einen Seite die Informationsbeschaffung durch Eigenerkundung und auf der anderen Seite die Informationsbeschaffung durch geheimdienstliche Abschöpfung. Bei der Eigenerkundung wird der Zugriff auf geheime Informationen durch berufliche oder private Positionen der Agenten gewährleistet. Dadurch sind Agenten beispielsweise in der Lage, geheime Unterlagen zu kopieren oder geheime Gespräche aufzunehmen. Bei der Eigenerkundung wird besonderes Augenmerk auf die Werbung von Personen gelegt, die sowohl Möglichkeiten besitzen, geheime Informationen zu beschaffen, als auch in der Lage sind, problemlos in das NSW zu reisen, da man sich dadurch eine zuverlässige und konspirativere Übermittlung der beschafften Informationen verspricht (vgl. BStU, MfS JHS VVS Nr. 67/85, S. 27ff). Bei geheimdienstlicher Abschöpfung werden Informationen durch Ausfragen der Personen, die Kenntnis über geheim zuhaltende Informationen besitzen, beschafft. Die befragten Personen, also die eigentlichen Informationsquellen, wissen dabei nichts über den geheimdienstlichen Charakter der Befragung. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass diese Art der Informationsbeschaffung nur schwer als geheimdienstliche Handlung zu entlarven ist (vgl. BStU, MfS JHS VVS Nr. 67/85, S. 31ff). "Die geheimdienstliche Abschöpfung ist aufgrund der Ausbildung und Instruierung der Spione sowie des umfassenden Missbrauchs legaler Positionen und Möglichkeiten, unter Tarnung als kommerzielle, berufliche, private bis hin zur intimen Beziehung betrieben, außerordentlich schwer als solche, d. h. als Spionage, erkennbar“ (BStU, MfS JHS VVS Nr. 67/85, S. 34). (Quelle: Huber, Alexander u. Erkut Yildirim: Die operative Aufklärungs- und Abwehrarbeit des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der DDR, Berichte aus dem Fachbereich I Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften Beuth Hochschule für Technik Berlin, Nr. 5, 2010, S. 27-28, arrow https://prof.beuth-hochschule.de/fileadmin/projekt/fb1_forschung/Berichtsreihe/Beuth_FB-I_2010-05.pdf)

10) OPK = Operative Personenkontrolle (MfS) - konspirativer Vorgang zur Aufklärung und Überwachung von Personen; meist angelegt bei Verdacht auf politisch nicht konformes Verhalten bzw. zur Überprüfung von Funktionären; auch Vorlauf für eine inoffizielle Tätigkeit in der Auslandsspionage / erst seit 1981 registrierpflichtig (Quelle: Abkürzungsverzeichnis. Hrsg.: Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik Abteilung Kommunikation und Wissen)

11) IMS = Inoffizieller Mitarbeiter zur politisch-operativen Durchdringung und Sicherung des Verantwortungsbereiches. Mit ihren zuletzt 93.600 Angehörigen bildeten die IMS die größte Kategorie inoffizieller Informanten. (Quelle: Wikipedia)

12) GMS = Gesellschaftlicher Mitarbeiter für Sicherheit

13) FIM = Führungs-IM - Inoffizieller Mitarbeiter, der inoffizielle Mitarbeiter führt

14) Heinz Kampe, 1962-1963 Redakteur, später Leiter des Deutschen Freiheitssenders 904, Deckname Walter, später in Duderstadt, 1973 stellvertretender Bezirksvorsitzender des DKP, 1977 Bezirksvorsitzender

15) Mit dieser Bemerkung dürfte Kuhn sich keinen Gefallen getan haben. Mit Schreiben vom 17. März 1982 hatte just der Minister des MfS "Maßnahmen zur Unterbindung des öffentlichen Tragens und des Verbreitens von Abzeichen, Aufnähern, Aufklebern, sonstigen Gegenständen, Symbolen und Texten mit pazifistischer Aussage“ verbreitet, die im Besonderen gegen das Symbol "Schwerter zu Pflugscharen“ gerichtet war. Im Unterschied zur Sowjetunion betrachtete die Führung der DDR den durch das Symbol zum Ausdruck gelangenden Pazifismus als gegen die eigenen Rüstungsbestrebungen und die Wehrpflicht gerichtet. Die Aufnäher - so hieß es - seien westliche Importe und schulfremdes Material, wer sie trage, übe Wehrkraftzersetzung aus und untergrabe die staatliche und gesellschaftliche Tätigkeit zum Schutz des Friedens.

16) Mit seiner Grundsatzrede vor dem Bundestag am 30. Juni 1960 läutete Wehner den außenpolitischen Kurswechsel der SPD, hin zur Westbindung und Anerkennung der Mitgliedschaft in der NATO, ein. (Quelle: Wikipedia)

17) 1952 hatte das ZK der KPdSU 125 Mitglieder. (Quelle: Wikipedia)

18) Gemeint ist Dr. h.c Herbert Schmalstieg, 1972 bis 2006 Oberbürgermeister Hannovers

19) Gemeint ist Dieter Wuttig, seinerzeit stellvertretender Leiter des Kulturamtes

20) Egon Kuhn war vom 16. 4. 1973 entgegen der Empfehlung des Unterbezirksvorstands zum Vorsitzenden des Ortsvereins Linden-Limmer gewählt worden und blieb bis zu seinem vorzeitigen Rücktritt am 16. 12. 1974 im Amt (vgl. arrow Einladung zur konstiutierenden Sitzung (pdf-Datei, 498 KB; arrow Niederschrift über die Konstituierende Hauptversammlung, pdf-Datei, 2,8 MB)

21) Der Parteitag fand am 29.-31. 5. 1981 in Hannover statt.

22) Der Bundeskongress fand vom 20.-22. Mai 1977 in Mannheim statt.

23) Kurt Hager (* 24. Juli 1912 in Bietigheim; † 18. September 1998 in Berlin) hat als Mitglied des Zentralkomitees (ZK) und des Politbüros des ZK der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) die Kultur- und Bildungspolitik in der DDR maßgeblich mitbestimmt. Er galt als Chefideologe der SED. (Quelle: Wikipedia)

24) Klaus Döpke (1922-2009), 1981-1986 DKP-Stadtrat in Osterburg

25) Landesamt für Verfassungsschutz

26) In der Bundesrepublik war die FDJ seit dem 26. Juni 1951 durch Beschluss der Bundesregierung gemäß Art. 9 Abs. 2 GG verboten.

27) Der Nationalfeiertag wurde am 7. Oktober begangen.

28) Die VVN/BdA Hannover griff diese Idee erstmals im August 1984 auf und richtete ein Schreiben an Hannovers Oberbürgermeister sowie die Fraktionen von SPD, CDU, FDP und Gabl/DKP mit der Vorstellung, in der Stadt eine Straße nach Ernst Thälmann zu benennen und eine Gedenktafel aufzustellen.

29) Alexej Iwanowitsch Schibajew (1915-1991), Flugzeugbau-Ingenieur und Parteifunktionär, Direktor des Luftfahrtwerks Rostow. Von 1950-1955 Direktor des Luftfahrtwerks Saratow. Seit 1955 im Saratow-Regionalkomitee der KPdSU in Saratow, zunächst als zweiter Sekretär, seit dem 13. Juli 1959 als erster Sekretär. 1961 zum Vorsitzenden des Zentralrats der sowjetischen Gewerkschaftsverbände gewählt. 1982-1985 stellvertretender Minister für Luftfahrtindustrie der UdSSR, in den Jahren 1985 bis 1986 stellvertretender Direktor der Personalabteilung des Moskauer Luftfahrtwerks. Mitglied des ZK der KPdSU von 1961-1986, Mitglied des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR (1977-1982).

30) Tatsächlich fand die Konferenz vom 10.-16. Juni 1978 statt.

31) Gemeint ist der Fotograf Walter Ballhause (1911-1991), vgl. arrow https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Ballhause