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Tag:
28
Monat:
2
Jahr:
1914
Ereignis:

Maximilian Harden veröffentlicht "Der Fall Otto Groß" in "Die Zukunft" (Nr. 22, S. 304-306) und referiert darin den Inhalt eines Briefes von Otto Gross aus Tulln: "Ich habe im Anfang des Jahres 1906 dem Fräulein Lotte Chatemmer in Ascona auf ihr Verlangen das Gift gegeben, mit welchem sie Selbstmord begangen hat. Ich habe Das gethan, um ihr den Tod, zu dem sie absolut entschlossen war, so leicht wie möglich zu machen. Ich habe Alles, was in meiner Macht war, gethan, um sie von ihrem Entschluß, zu sterben, abzubringen. Als sich das Gift bereits in ihrem Besitz befand (ich habe es ihr unmittelbar vor meiner Abreise von Ascona gegeben), bin ich zu ihr gegangen und habe sie noch einmal gebeten, sie solle lieber zu mir nach Graz kommen und mich versuchen lassen, ob ich nicht doch noch ihr helfen könnte. Ich habe das Gift in ihrem Händen zurückgelassen, weil ich die Ueberzeugung bekommen hatte, dass Lotte Chatemmer, wenn sie zu sterben entschlossen war, diesen Entschluß auf jeden Fall durchführen und gewiß nicht davor zurückschrecken würde, nöthigen Falls auf schreckliche und schmerzvolle Art zu sterben. Dies zu vermeiden, wollte ich ihr die Gelegenheit lassen. Ich habe nicht aus Fahrlässigkeit gehandelt; denn was ich that, war wissentlich gethan; und ich habe nicht die Absicht gehabt, daß sie sterben solle. Ich habe nur die Absicht gehabt, daß sie nicht auf schreckliche Art und unter Schmerzen sterben solle. Es ist jetzt mehr als sieben Jahre her seit damals; ich habe nie bereuen könne, was ich gethan. Das andere Argument, das gegen mich verwendet wird, ist: daß ich den Tod von Sophie Benz verschuldet haben soll. Daß da nicht Absicht und Fahrlässigkeit in mir bestanden hat, davon sind Alle überzeugt, die wissen, daß es damals um mein eigenes Schicksal gegangen ist. Sophie Benz hat sich wegen der Psychose, von welcher sie befallen war, vergiftet; man wird mir zum Vorwurf machen, daß ich sie nicht in eine Psychiatrische Anstalt gebracht habe. Daß ich es nicht gethan habe, ist mir das einzige Bewußtsein, welches tröstet."

Quellen:

Jung, Aber wir wollen Otto Gross wiederhaben. Eine Pressekampagne, in: 2. Internationaler Otto Gross Kongress, Marburg, 2002, S. 164

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