thumb
Tag:
21
Monat:
6
Jahr:
1908
Ereignis:

Sigmund Freud an C. G. Jung: "Sein Benehmen vor der Kur war ja ganz paranoid; Sie verzeihen mir den altmodischen Ausdruck, da ich in Paranoia einen psychologisch-klinischen Typus anerkenne, unter Dementia praecox mir noch immer nichts Präzises vorstellen kann, und die Unheilbarkeit und der schlechte Ausgang weder der Dementia praecox regelmässig zukommt noch sie von Hysterie und Zwangsneurose zu scheiden vermag. Ich schob es aber auf die Medikamente, speziell das Kokain, das, wie ich weiß, eine toxische Paranoia erzeugt. Ich habe nun keinen Grund, Ihre Diagnose zu bezweifeln, an sich nicht, Ihrer grossen Erfahrung in Dementia praecox wegen nicht, und dann auch, weil Dementia praecox ja oft keine rechte Diagnose ist. Über die Unbeeinflussbarkeit und das endliche Schicksal dürften wir einer Meinung sein. Ob es nicht eine andere (Zwangs-)Psychoneurose mit negativer Übertragung ist, wegen des feindseligen Verhältnisses zum Vater, was ja ein Fehlen oder Erlahmen der Übertragung vortäuschen kann? Ich weiss leider vom Mechanismus der Dementia praecox oder Paranoia zu wenig im Vergleich mit Hysterie oder Zwangsneurose und wünsche mir schon lange, da enen starken Eindruck zu erleben."

Quellen:

Freud/Jung, Briefwechsel, 1974, S. 174

Link zum Dokument: