Arnold Zweig schreibt aus Orange an [Miriam] Marie Zweig: "Meine liebe süsse Marie, [...] Zu deinen Dingen komme ich am schnellsten, indem ich dir eine Idee, einen Einfall meinetwegen sage, der mir zu deinen Händen kam: wäre es nicht möglich, dass der Hauptteil deines Leidens wieder, wie bei jener einstigen erotischen Unempfindlichkeit, rein psychisch gründet, neurotisch? Wir wissen, dass dein Körper mit physischen Zuständen auf psychisches reagiert. Sollte nicht die Möglichkeit bestehen, dass er dir, dass du dir diese furchtbare Handkrankheit als Selbstbestrafung auferlegst dafür, dass du einmal die Kunst für das erotische Glück hinzugeben bereit warst? Dass also Gretli durch Analysen unendlich mehr zu deiner Gesundung führen könnte als Schnee durch Therapie? Natürlich ist die organische Erkrankung der Sehnen das Werkzeug, deren sich die Psyche bemächtigt; gleichsam die dünnste und geeignetste Stelle, an der sie durchbricht. Dies ist nur ein Hinweis, und nun gleich die Probe, ob er Wahrscheinlichkeit hat, richtig zu sein: beobachte doch, ob du bei der Lektüre dieser sachlich möglichen Leiden die Affektbetonung starker Unlust, starker Ablehnung hast, zugleich mit der geistigen Einsicht: es ist möglich. Die Unlust wäre dann sofort der Wall, den das aufgestöberte Grundübel aufwirft. Und lass Gretli dies lesen oder sprich mit ihr davon. Erregt dir auch dieser Vorschlag Widerwillen, so haben wir ein Indiz mehr. Schnee könnte ja vorläufig weiterarbeiten oder du setzest aus, um die Wirkung der Analyse zu beobachten. Schreib mir genau über all das, und mache den Versuch. Dein Ethos ist so streng und deine Psyche so listig, dein Körper ein gefügiges Wesen, dass mir der Versuch mindestens ratsam erscheint. Alles, aber auch alles was du gern tätest, verbietet dir diese Krankheit: Musik, Schreiben, Tätigkeit. Es wäre zunächst einmal festzustellen, wann die Hände bösartig wurden, und dann würdest du tausend Hinweise finden, ob ich recht oder falsch sehe. Gretli wird möglicherweise die Analyse allein machen können, wahrscheinlicherweise. Da Groß fort ist, bleibt ja doch kein andrer Weg."
NL Arnold Zweig, Akademie der Künste Berlin, Sign. 5358