Besuch bei einer alten Dame oder Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

(2 Raubritter, 2 Schleicher, Cläre Jung)(1)

11.2.1973

Jetzt einige wahllose facts:

Otto Groß war Assistenzarzt bei Freud; wurde von ihm wegen seiner Kritik an 'Unbehagen an der Kultur' von ihm (vor 1910?) rausgesetzt, da er keine Kritik an sich vertragen konnte. (Hier müßte man Literatur finden, ev. Kritiken?)

Groß hatte als Arzt den Anspruch, seine Patienten nicht von oben herab zu 'behandeln', sondern wollte das Verhältnis Arzt-Patient (in seiner autoritären Form) aufheben; z.B. bei Sophie Benz: sie litt an einem 'Verschmähungskomplex', niemand liebte sie; Groß (der sie behandelte) verreiste zusammen mit ihr, liebte sie; zur Beruhigung gab er ihr ab und zu von seinem Kokain; irgendwann mal nahm sie, als er gerade draußen war, aus seiner Tasche das Kokain und schluckte alles, starb. In Locarno. Der Vater machte gegen Groß eine Anzeige wegen fahrlässiger Tötung, wurde niedergeschlagen; zur gleichen Zeit (?) schob der Vater von Groß (die Justizsau) ihn in die Irrenanstalt (Troppau) ab.

Kokainist wurde Groß als Tropenschiffsarzt, wo er das Zeug gegen Schmerzen nahm und nicht mehr davon los kam.

Die Sophie-Benz-Geschichte schildert Jung in 'Sophie', Leonhard Frank in 'Links wo das Herz ist' und Franz Werfel in 'Barbara oder die Frömmigkeit'.

Im 1. Weltkrieg war er Militärarzt, nach dem Krieg nach Wien entlassen, lebte er dort bei seiner Mutter (Vater war inzwischen tot) bis er - nach Berlin kam; in Berlin schon völlig 'ausgeflippt': 'So nett er war, so goldig war er, er war nicht mehr zu normalisieren', z.B. war er 4 Tage ununterbrochen auf, aß nichts, saß rum, redete, diskutierte, dann schlaffte er urplötzlich - wo er gerade saß - völlig weg, manchmal Tage lang ... sehr zerstreut; vergaß öfters die Adressen seiner Freunde, wo er gerade untergekommen war, er hatte keine eigene Wohnung oder Zimmer in Berlin. So pennte er auch auf Treppen, im Freien. Groß war Vegetarier. Gerade 'grausig' war es, wenn ihm plötzlich der Stoff ausging, fing mitten in der Nacht an zu schreien; als er bei Jungs einmal soweit war, ging ein KAP-Arbeiter (Hermann Knackstedt) in eine Nachtapotheke, verlangte Kokaintabletten; als er keine bekam, griff er in seine Tasche, holte eine umgedrehte Pfeife raus: Hände hoch etc. Bekam sofort das Zeug. (Ist vielleicht die Basis der Überfälle?) In Berlin hatte er auch keinerlei Beziehung mehr zu Geld; er ging, z.B. mit Nina Kuh (Tochter des Wiener Journalisten Emil Kuh, Bruder war auch Journalist: Anton Kuh; mit dessen Schwester Mizzi hatte er eine Tochter (Sophie), mit einer dritten Schwester war er auch zusammen ...) ins Kaffee, rief dann bei Jungs an, sie sollten ihn auslösen; 3 Mark; Cläre ging also, da sie ja auch 1919 kaum Geld hatte, zur Pfandleihe, versetzte einen Ring; als sie dann zum Kaffee kam, betrug die Summe schon 6 Mark ...

Einmal stand Groß vor dem Haus und wartete auf Cläre; ein freundlicher Biedermann ging auf ihn zu, steckte ihm 50 Pf. in die Tasche ... Groß war völlig erschüttert: 'Ist es schon so weit mit mir ...'

Jung war in Berlin auch der Überzeugung, daß Groß nicht mehr zu 'retten' ist ...

Als er wieder die Adresse eines Freundes verloren hatte, übernachtete er auf einer Treppe, holte sich eine Lungenentzündung, kam ins Krankenhaus, sofort Kokainentzug, falsche Ernährung, Lungenentzündung, ... tot 1919." (Aufzeichnung von Hansjörg Viesel, der Cläre Jung zusammen mit Hans Dieter Heilmann besuchte)

1) Das waren die beiden 'Aufpasser' bei Cläre, als wir [der Bericht stammt von Hans-Dieter Heilmann und Hansjörg Viesel, letzterer hat ihn freundlicher Weise zur Verfügung gestellt, Anm. R.D.] sie besuchten !


Eine Sache mag noch so gering sein,
ohne Bemühung gelingt sie nicht.

(Dschingis Khan)

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