Wie für mich alles begann: Paradies-Sucher

... der Titel des Buches von Emanuel Hurwitz (Frankfurt 1979) zog mich magisch an und ich beschloß von meinem Privileg, das per Fernleihe bestellte Buch noch vor dem Benutzer zu lesen, Gebrauch zu machen. Damals - es muß Anfang des Jahres 1983 gewesen sein, arbeitete ich in der Fernleihe der Bibliothek der Medizinischen Hochschule Hannover und die wenigen "Perlen" unter den Fernleihbestellungen versüßten mir den Berufsalltag.

Du Kreuz des Südens über meiner Fahrt - Briefe von Otto Gross an Frieda Weekley

Für Petra

Gunter Hofer in memoriam

Du Kreuz des Südens über meiner Fahrt - Briefe von Otto Gross an Frieda Weekley

Vorbemerkung

Otto Gross und Frieda Weekley gelten gemeinhin als Kult-, ja Skandalfiguren des beginnenden 20. Jahrhunderts, er - bekannt als genialer Freud-Schüler und -Abtrünniger, als Anarchist und Anhänger der "freien Liebe", als mehrfach Beihilfe zur Selbsttötung leistender Arzt, als chronisch Morphium- und Kokainsüchtiger, als zentrale Gestalt der Caféhäuser in Berlin, München und Wien, als Mittelpunkt politischer Kampagnen für die Aufhebung der durch den Vater für ihn erwirkten Kuratel, als der Verführer schlechthin, in zentralen Werken von Max Brod, Leonhard Frank, Franz Jung, Franz Werfel und Johannes R. Becher als literarische Gestalt verewigt, sie - besser bekannt unter ihrem Mädchennamen Frieda von Richthofen, oder später Frieda Lawrence, als "femme fatale", "Muse", vielleicht in ihrer Außenwirkung vergleichbar mit Alma Mahler-Werfel, die "treibende Kraft" hinter D. H. Lawrence.

Die Anzahl der Werke, die sich mit beider Wirkung auseinandersetzen, ist kaum überschaubar, reicht sie doch über einzelne Disziplinen wie die der Medizin und Psychoanalyse, Politik, Philosophie und Literaturgeschichte weit hinaus.

Wenig berücksichtigt bleibt dabei die Bedeutung der heftigen Liebesbeziehung, die beide seit 1907 verband. Sie fällt denn auch zumeist der determinierten Sichtweise der einzelnen Betrachter zum Opfer, sei es, daß man Otto Gross aufgrund seiner vermeintlich bekannten Theorien und Lebensart eine wirkliche "Beziehung", die tief und auf Dauer gerichtet ist, nicht zuweisen möchte (was angesichts der Fülle seiner Affären nicht schwerfällt), sei es, daß man sie Frieda Weekley nicht recht abnehmen möchte, da sie erst mit D. H. Lawrence den Schritt aus einer unbefriedigenden Ehe tat.

... weiter zu den Briefen

Franz Kafka und Otto Gross

In einem Katalog des hannoverschen Antiquariats “Die Silbergäule” wird die Sammlung Fritz Picard vorgestellt. Picard (geb. 1888) war, so heißt es dort, einer der außergewöhnlichsten Menschen im deutschen Buchhandel. Er - und seine Buchhandlung Calligrammes in Paris - haben “über 50 Jahre das literarische Leben mitgeprägt”. Picard wurde mehrfach interviewt, u.a. Anfang der 1970er Jahre von Michael Stone, dem Sohn von Mizzi Kuh.

In diesem Interview, das im Katalog z.T. wiedergegeben ist, heißt es: “Marianne Kuh, genannt Mitzi, die Schwester des Wiener Schriftstellers Anton Kuh, war eine der interessantesten weiblichen Erscheinungen des Wiener Caféhauses. Picard war mit ihr befreundet; er berichtet, wie sie gemeinsam mit ihrem damaligen Liebhaber, dem Psychologen Otto Gross, auf einer Soirée bei Kafka eingeladen waren. Er konnte mit Kafka sprechen, erinnert sich aber nur an das von Krankheit gezeichnete Gesicht. Es sollte die einzige Begegnung mit Kafka bleiben.” (vgl.: Sammlung Fritz Picard Librairie Calligrammes Paris. Hannover: Die Silbergäule 1992, S. 17)

Picard lokalisiert die Begegnung mit Kafka nach Berlin. In welchem Jahr mag sich die Begegnung dort zugetragen haben? Nach den überlieferten Begegnungen mit Kafka am 18./19. und 23. Juli 1917 in Wien? Wie oft war Kafka in Berlin?

Shinji Hayashizaki, Osaka, schreibt dazu: “Ich glaube, dass Kafka Picard in Berlin um 1920 nicht getroffen hat. Kafka war im Dezember 1910 in Berlin, dreimal 1913, um Felice zu sehen, zweimal 1914, um sich zu verloben und zu entloben, und Ende September 1923 bis Anfang 1924 um dort mit Dora zu leben. Otto Gross, Mizzi Kuh und Franz Kafka in Berlin um 1920, etwas davon ist falsch.” (Mail vom 3. März 2003).

Rainer Stach bestätigt das: “Da kann tatsächlich etwas nicht stimmen. Zum einen: Kafka war zwischen 1914 und 1923 nicht in Berlin, das ist sicher. Zweitens: Ein ‘von Krankheit gezeichnetes Gesicht’ hatte Kafka frühestens im Winter 1922/23. Vorher sah er noch sehr jugendlich aus, auf den Fotos von 1921 könnte man ihn sogar für 10 Jahre jünger halten, als er tatsächlich war. Und drittens: Eine Soirée bei Kafka, das ist unvorstellbar. K. hat nie irgendwelche Gesellschaften gegeben. Wo auch, er hatte ja nie eine eigene Wohnung. An Milena Jesenská schreibt K. 1920, dass er Gross nur einmal getroffen hat, nämlich bei der berühmten Zugfahrt 1917 nach Prag und dann an einem der folgenden Abende bei Brod, zusammen mit Werfel. (Mail vom 22. Februar 2008).

Der Fall Wertheimer oder Otto Gross als Verführer

Max Wertheimer

Vorbemerkung

Ich habe die nachfolgende Arbeit als "Vorstudie" betitelt, wenngleich zweifelhaft ist, ob über das verwendete Material hinaus Dokumente aufgefunden werden, die diesen "Fall" weiter erhellen können. Die Arbeit wurde durch eine Studie von Dr. Klaus Schlüpmann, Betzdorf, angeregt (die unter den Anmerkungen am Ende der Arbeit zitiert ist) und als Referat im Frühjahr 2002 beim Münchener Kongreß der Internationalen Otto Gross-Gesellschaft vorgetragen. Für freundliche Unterstützung beim Entstehen dieser Arbeit möchte ich besonders Dr. Jutta Bohnke-Kollwitz, Köln, und Prof. Dr. Michael Wertheimer, Boulder, Col., USA, herzlich danken. Auf die von mir ermittelten Zusammenhänge erfolgte ein unterschiedliches Echo, wie gleichfalls am Ende der Arbeit nachzulesen ist. (1) Für Leser-Reaktionen bin ich dankbar (E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).

Am 20. Mai 1909 wendet sich die Münchner Polizei an die Züricher Heilanstalt Burghölzli: "Anfrage der Münchner Polizei durch die Regierung, was mit dem Kranken los sei, er stehe wegen Kurpfuscherei in Untersuchung"(2), heißt es in einer Notiz in der Krankenakte des Otto Gross. Der Kranke ist freilich längst nicht mehr im Burghölzli: seine im Mai des Vorjahres (1908) begonnene zweite Entziehungskur und die Analyse beim Oberarzt Carl Gustav Jung hatte Gross bereits am 17. Juni 1908 abrupt beendet - "Vorgestern ist Groß in einem unbewachten Moment aus dem Hausgarten über die Mauer entflohen und wird zweifellos bald wieder in München auftauchen, um dem Abend seines Schicksals entgegenzugehen" schreibt Jung am 19. Juni an Sigmund Freud. (3)

Sándor Ferenczi über Otto Gross

Kein Zweifel: unter denen, die Ihnen bis jetzt folgten, ist er der bedeutendste. Schade, daß er verkommen muß.

(Sándor Ferenczi über Otto Gross in: Sigmund Freud / Sándor Ferenczi, Briefwechsel. Bd. I/1, Wien 1993, S. 233)

Otto Gross als Dr. Klage

Schaudernd blickte Lotte ihm nach: jener Mann im Dienst eines verzehrenden Lasters, der auf seinen Schultern das Wissen um eine Welt und um ihre Sünde zu tragen schien! Muß man so grausam bezahlen?

(Otto Gross als Dr. Klage in: Eduard Trautner, Gott, Gegenwart und Kokain, Berlin 1927, S. 38)

Hans Walter Gruhle

Hans Walter GruhleEr versorgte bei Webers den Garten und bot sich ihnen als Umzugshelfer an. Zu Franziska zu Reventlow hatte er eine intensive Beziehung, die Claudia Böhnke wie folgt beschreibt: "Nach allen Quellen, die ich bearbeitet habe, kam ich zu dem Schluß, daß er eher die Rolle als sehr guter Freund innehatte, sie bei ihren zahlreichen (auch parallel laufenden) Beziehungen und den damit verbundenen Komplikationen seelisch zu unterstützen. Außerdem war er, als guter Zuhörer, wichtig bei ihren Zuständen seelischer Zerrissenheit und auch bei dem Verlust ihrer Neugeborenen. Eine erotische Verbindung will ich nicht ausschließen, aber sie stand sicher nicht im Vordergrund dieser Beziehung." (Claudia Böhnke, Mail vom 18. März 2004).

Den zerstörten Otto Gross fand er am Vorabend seines Todes in den Straßen von Berlin, wie sein Sohn Wolfgang bestätigt: "An die Erzählung meines Vaters, dass er den hilflos-kranken Otto Gross fand, kann ich mich noch erinnern. Anlaß war bei einem Umzug (in den 30er-Jahren) das Aufstellen der Bücher, dabei auch die 1 Meter lange Reihe der Bände des Gross-Archivs [gemeint ist das 'Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik', das Hans Gross herausgegeben hat], hoch oben auf dem Bücherregal." (Wolfgang Gruhle, Mail vom 28. August 2004).

Gruhle wohnte, das sei am Rande bemerkt, zwischen 1902 und 1905 in der Münchener Mandlstraße Nr. 3a/II (Wolfgang Gruhle, Mail vom 23. November 2004), Otto Gross 1908 in der gleichen Straße, Hausnummer 1d/I.

Kostproben

"Es war freilich betrübend, daß sich die wenigen Psychiater, die sich überhaupt um die gleichzeitige wissenschaftliche Psychologie kümmerten, ganz auf die experimentelle Psychologie WILHELM WUNDTS einstellten. KRAEPELIN, der selbst aus WUNDTS Schule herauswuchs, hat mit dieser Psychologie in seinem eigentlichen psychiatrischen Arbeiten sehr wenig anfangen können und stand später sowohl der lebendigen Physiologie als Psychologie seiner Zeit ganz fern." (Berze/Gruhle, Psychologie der Schizophrenie, Berlin 1929, S. 78) "Zu einer klaren Schilderung des Wesentlichen an der Schizophrenie ist KRAEPELIN niemals gelangt, nicht deshalb, weil er das Wesentliche nicht sah, sondern weil er sich bei dessen Schilderung unzureichender, populär psychologischer Kategorien bediente." (Ebenda, S. 140f.)

Weitere Literatur

  • Böhnke, Claudia: Hans W. Gruhle (1880-1956). Bonn, Univ., Med. Fak., Diss. 2008
  • Gruhle, Hans Walter: Ergographische Studien. Psychologische Arbeiten Bd. 6. 1912, H. 2, S. 339-418
  • Ders.: Die Ursachen der jugendlichen Verwahrlosung und Kriminalität. Studien zur Frage: Milieu oder Anlage. Berlin: Springer 1912 (Abhandlungen aus dem Gesamtgebiet der Kriminalpsychologie. Bd. 1)
  • Ders. (1927) Die Stellung der Psychologie in der neuen Lehrerausbildung. Badische Schulzeitung Bd. 65. 1927, Nr. 48 vom 3. Dezember, S. 771-772
  • Ders.: Kraepelins Bedeutung für die Psychologie. Archiv für Psychiatrie und Nervenheilkunde Bd. 87. 1929, S. 43-49
  • Ders.: Verstehende Psychologie (Erlebnislehre). Ein Lehrbuch. Stuttgart: Thieme 1948
  • Haak, F. van der: Hans W. Gruhle. Versuch einer Annäherung. 1985 [Unveröffentl . Manuskript eines Vortrags.]
  • Klüpfel, J. u. C. F. Graumann: Quellen und Literatur, in: Dies., Ein Institut entsteht. Zur Geschichte der Institutionalisierung der Psychologie an der Universität Heidelberg. 1998. www.psychologie.uni-heidelberg.de/willkomm/cfg/instber-qu-lit.html

Leutnant Groß ... und "Neuen Liebesidealen entgegen"

Der Zeitschrift "Der freie Arbeiter", Wien, "Sozialistische Wochenschrift", herausgegeben von der "Förderation revolutionärer Sozialisten", war nur eine kurze Zeit des Erscheinens vergönnt: Jg. 1 (9. 12.) 1918 - Jg. 2 (13. 6.) 1919 (Details s. projekte.free.de/dada/dada-p/P0001419.HTM). Egon Erwin Kisch war sicher der prominenteste Beiträger. In der Beilage "Die Rote Garde" schreibt er im Beitrag "Angst, Rote Garde und Presse" (Nr. 3 vom 23. November 1918, S. 21f.): "Der Leutnant Groß, von dem die 'Arbeiter-Zeitung' soviel Vorakten besitzt, ist uns leider unbekannt." Wer mag dieser Leutnant Groß gewesen sein?

Lotte Hattemer

"Im Preuß. Polizeiarchiv (Berliner Landesarchiv) gibt es die Akte Mühsam und die Akte Anarchismus. Daraus folgende Zitate:

Polizeidirektion München, 29. Januar 1910:

Laut Auszug aus dem Totenregister der Gemeinde Ascona ist eine gewisse Charlotte Hattemer, Tochter des Hermann und der Maria geb. Kaiser, geb. 24. November 1876 zu Berlin, am 19. April 1906 zu Ascona gestorben.

Der Vater der Lotte Hattemer soll Eisenbahningenieur in Stettin sein.

Berlin, 7. II.10 [Melderegister] Hattemer

Heinrich, Hermann, 16.10.48 geb. Grenchen i./Schweiz, Religion ev., [Zuzug] von Wien am 9.2.71 [in die] Lindenstraße 82 [es folgen etliche Berliner Adressen, Hannover, Breslau, dann wieder Berlin, 1. 4. 95 Umzug nach Stettin.] Frau seit 19.2.76 St[andes]a[mt] VI. Marie Hermine Josephine, geb. Kaiser 20.12.49 Berlin, Religion kath.

Kind
Pauline Charlotte Babette 24.11.76 Berlin
Am 21. 4. 06 in Ascona verst.

In den Akten wird auch Groß vielfach erwähnt. Ein Josef Bihlmayer denunziert Nohl, er habe sich damit gebrüstet, Ch. Hattemer umgebracht zu haben, denn 'von derselben habe man gewußt, daß sie Mitwisserin eines anarchistischen Unternehmens sei und daß sie vorhabe, dasselbe zu verraten. Es sei deshalb beschlossen worden, sie aus dem Wege zu räumen und dies sei geschehen durch ihn, Nohl, und Dr. Groß. Er habe der Lotte ein Getränk vorgesetzt, in dem Cocain und Opium aufgelöst gewesen sei und diese Giftmischung selbst sei von Dr. Groß präpariert worden.' (Chris Hirte, Mail vom 7. Februar 2002)

Lotte Hattemer

Mit Schreiben vom 31. 2. 1909 übersendet das Regierungsstatthalteramt Locarno eine Erklärung von Dr. Marco Tognola aus Ascona vom 28. 12. d.J. an das Polizeikommando Zürich, in der Tognola bestätigt, vier Jahre zuvor unmittelbar vor ihrem Tode zu Lotte Hattemer gerufen worden zu sein, nachdem Dr. Morel in Muralto sie schon gesehen habe. Sie wies Anzeichen einer Morphiumvergiftung auf und redete "verwirrt". Tognola nahm "eine gastrische Waschung" vor. Die Patientin starb "aber trotzdem an inneren Wunden. Die dem Magen entnommenen Flüssigkeiten wurden nicht untersucht". Im Schreiben des Regierungsstatthalteramts, das der Erklärung Tognolas beigefügt ist, von B. Rusca signiert, heißt es weiter: "Die allgemeine Stimmung war die, daß sie sich freiwillig vergiftet hatte. Sie galt als eine ziemlich exzentrische Person und es scheint, daß sie schon bei anderen Gelegenheiten Hand an ihr Leben legte." Außerdem teilt das Amt mit: "Nohl Johannes ist schon seit 1 Jahr von Ascona fort. Dr. Otto Groß aus Graz war im April 1906 während 12 - 20 Tagen in Ascona und verreiste gerade am Tage vor der Vergiftung und dem Tode der Charlotte Hattemer."

War Otto Gross Mitherausgeber von "Die Erde" und "Das Forum"?

Zumindest spricht Emanuel Hurwitz diese Vermutung aus (Otto Gross. Paradies-Sucher ..., Frankfurt 1979, S. 306). Hans-Dieter Mück nährt diese Annahme, wenn er schreibt:

"Johannes R. Becher kommt im März zu Karl Raichle nach Urach: "Du Karl, Du kannst froh sein, daß Rilla mich geschickt hat und nicht den Dr. [Otto] Groß, denn das war ein ganz schlimmer Bolschewist!" (MÜCK, Hans-Dieter. Der Uracher Kreis Karl Raichles: "Roter Verschwörerwinkel" am "Grünen Weg". Sommerfrische für Revolutionäre des Worts. Dokumente einer Utopie 1918 - 1931. Austellung im Haus am Gorisbrunnen 24. August bis 22. September 1991. Stuttgart: Stöffler u. Schütz 1991, Kulturwissenschaftliche Bibliothek. Sonderreihe 1, S. 83)

"habe die sammlung der "erde" von walter rilla himself, die er bei der legendären Expressionismusausstellung 1961 in marbach denen ausgeliehen hatte. habe nämlich seine bibliothek in bayern gekauft. ein paar monate zuvor habe ich noch mit ihm über og telefoniert. nun gut, er kannte ihn, aber mehr war nicht. habe auch das expl. 'weg nach unten' von ihm, und bei allen gross-pasagen nicht eine spur von beifälligen oder nicht beifälligen anstreichungen.

das gleiche übrigens auch beim expl. 'weg nach unten' von om graf, der hat einiges angestrichen über revolution in münchen, aber GAR NIX bei den gross-passagen." (Hansjörg Viesel, Mail vom 6. Februar 2003)

"Der Gegner. Blätter zur Kritik der Zeit", Bd. 1. 1919, Heft 8-9, November/Dezember, o.S. [= nach S. 45] bringt allerdings eine Anzeige der Zeitschrift "Die Erde", die Otto Gross (als Otto Grosz) unter den Mitarbeitern, neben Johannes R. Becher u.a., aufführt.

Otto Gross als Eberhard

… Er ließ einen nie schlafen. Er redete und redete. Oh, er war so phantastisch. Ich bin einmal mit ihm in einen Zoo gegangen. Und wissen Sie was, er konnte die Tiere, indem er sie bloß ansah, erregen, bis sie beinahe wahnsinnig wurden. [...] Er nahm Drogen. Und er schlief nie. Er schlief einfach nie. Und er ließ einen selbst auch nicht schlafen. Und er redete mit einem, während er einen liebte. Er war wunderbar, aber er war schrecklich.

(D. H. Lawrence, Mr. Noon, Zürich 1985, S. 186-186)

Friedrich Hartmann über Otto Gross

Gross bot die typischen Zeichen einer in der Pubertätszeit eingetretenen Entwicklungshemmung der geistigen Persönlichkeit mit Neigung zur Progression der durch die Pubertätserkrankung gesetzten geistigen Defekterscheinungen. Neben angeborener Begabung und einseitiger Entwicklung zu höheren Stufen verratenden geistigen Leistungen zeigten sich Defekte in der Urteilsbildung oft überraschender und weitgehender Art, verschrobene, kritiklose, vielfach wahnhaft unkorrigierbare Ideenbildungen; überschwengliche bis zur Selbstschädigung gehende Gemütsaffektionen auf der einen, vollkommener Mangel der gemütlichen Begleitgefühle des Denkens auf der anderen Seite.

(Friedrich Hartmann in Berze, Josef u. Dominik Klemens Stelzer, Befund und Gutachten. In: Gegner. 1999/2000 (3) 29)

Otto Gross als Willmann

… ist halb verrückt und hat doch etwas Geniales. Er übt auf andere, besonders auf Frauen, einen großen Einfluß aus. Seiner Ansicht nach soll man jeder Liebesregung nachgehen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten.

(Berta Lask, Stille und Sturm. München 1975, S. 154)

Otto Gross als Octavio

Octavio kam aus den österreichischen Alpen und hatte das strahlende, kräftige Aussehen eines Bergbauern; er war der erste Vegetarier, den sie kennenlernte. “Ich werde eure scheußlichen Tierkadaver nicht essen”, sagte er immer, und er trank keinen Alkohol.

(Rosie Jackson, Nicht ich, aber der Wind. Das geheime Leben der Frieda Lawrence. München 1995, S. 319)

Otto Gross als Dr. Ottokar Grund

Er trägt einen Loden-Havelock und Kappe, die er abnimmt, so daß man sein dichtes blondgraues, in die Stirn gekämmtes Haar sieht. Seine Hosen sind unten etwas zerfranst und ziehen sich bei jedem seiner seltsam federnden Schritte hinauf.

(Franz Werfel, Schweiger. München 1922, S. 30)

Otto Gross als Dr. Askonas

Er macht den Eindruck eines blassen schmächtigen Gymnasiasten, dem das schmale schwarze Bärtchen eben zu keimen beginnt. Tritt er aber näher, so bemerkt man, daß sein Alter eigentlich unbestimmbar ist. Das mattbraune schüttere Haar ist wie mit einer schlechten Tinktur gefärbt, wie ausgeblaßt. Dichte dunkle Augenbrauen sind die einzigen entscheidenden Linien des auf eine unheimliche Art zierlichen Köpfchens.

(Max Brod, Das große Wagnis. Leipzig und Wien 1919, S. 119)

Franz Jung über Otto Gross

Für mich bedeutete Otto Groß das Erlebnis einer ersten und tiefen, großen Freundschaft, ich hätte mich ohne zu zögern für ihn aufgeopfert. [...] Es war eine Mischung von Respekt und Glaube, das Bedürfnis zu glauben und zu verehren, aufzunehmen und zu verarbeiten, was er uns ständig einhämmerte.

(Franz Jung, Der Weg nach unten. Leipzig 1991, S. 90)

Otto Gross als Dr. Kreuz

Die Oberpartie seines Gesichtes – blaue, kindlich unschuldig blickende Augen, Hakennase und volle Lippen, die immer ein wenig offen standen, als trüge er, lautlos keuchend, alles Leid der Welt – stimmte nicht überein mit der schwächlichen Unterpartie, dem Kinn, das nur angedeutet war und sich nach hinten gänzlich verlor. Wer das fanatische Vogelgesicht, das aus leicht getöntem Porzellan zu sein schien, einmal gesehen hatte, vergaß es nie.

(Leonhard Frank: Links wo das Herz ist. München 1952, S. 17)

Karl Jaspers und Otto Gross

Ingo Wolf Kittel, Augsburg, machte mich auf eine interessante Variation in Karl Jaspers” Werk “Allgemeine Psychopathologie” aufmerksam:

“Es ist begreiflich und auch schon vorgekommen, daß sich die Theorien beider [gemeint sind Wernicke und Freud, R. D.] in einem Psychiaterkopfe zusammenfinden.” So heisst es dort im fünften, “Theorien” benannten Kapitel und zwar sowohl in der 2. neubearb. Aufl. (Berlin 1920, S. 291), als auch in der 3. verm. u. verb. Aufl. (Berlin 1923, S. 327) im nunmehrigen 6. Kapitel.

Damit verfolgt Jaspers eine Richtung weiter, die er bereits in der 1. Auflage seines Werkes (Berlin 1913) beobachtet zu haben meint. Mit Bezug auf die “konstruktiven Theorien Wernickes” heißt es dort: “Die Frage der Beziehung von bekannten Hirnveränderungen zu bekannten seelischen Veränderungen (die Lokalisationslehre) wird jetzt rein empirisch auf den wenigen Gebieten, wo sie mit einigem Recht gestellt werden kann, untersucht, aber keineswegs mehr zur Grundlage der wissenschaftlichen Psychopathologie gemacht.” (S. 331) An wen mag Jaspers gedacht haben, der die von ihm 1913 vorgezeichnete Entwicklung konterkariert?

Näheren Aufschluss über die Intention der Ausführungen gibt die 1942 von Jaspers abgeschlossene, aber erst 1946 erschienene 4. Auflage des Werkes. In der völlig neu bearbeiteten Schrift heisst es im 3. Kapitel (”Über Sinn und Wert der Theorien”) des 3. Teils, “Die kausalen Zusammenhänge des Seelenlebens (erklärende Psychologie)” (Berlin 1946, S. 458): “Es ist begreiflich und auch schon vorgekommen, daß sich die Theorien beider in einem Psychiaterkopfe zusammenfinden (z.B. bei Groß; Wernicke und Freud waren beide Schüler Meynerts). Diese Theorien sind mit historisch wirksamen Namen verknüpft. Es scheint, als ob ein bedeutender Rang des Forschers und die Schöpfung der Theorie in Zusammenhang stände. Aber mit der Theorie sitzt auch in den Erkenntnisleistungen dieser Männer von Anfang an der Wurm, der die Gebäude zerfrißt, etwas Zerstörendes und Lähmendes, ein Geist von Absurdität und Inhumanität.”

Feldbach, Gniebing, Retz

“Feldbach [1877 arbeitete Hans Gross dort als Gerichtsadjunkt] liegt weniger als 50 Kilometer östlich von Graz, www.feldbach.at, Gniebing [der Geburtsort von Otto Gross] ist der unmittelbare Nachbarort von Feldbach: www.gniebing-weissenbach.steiermark.at, Retz [der Geburtsort von Adele Gross, geb. Raymann] liegt ca. 75 Kilometer nordwestlich von Wien; es ist eine wunderschöne Stadt inmitten einer herrlichen Weingegend direkt an der tschechischen Grenze. Von dort ist man auch sofort in Znojmo (Znaim), www.tourist-net.co.at/retz1.htm.” (Heimo Gruber, Mail vom 8. Februar 2003)

Graz 1901-1904

“In anderen psychiatrischen Schriften aus der Grazer Zeit, berichtet Otto Gross vom Fällen (Patientinnen), die er wohl in der Grazer Psychiatrie von G. Anton hatte. Zum Beispiel die Patientin Hermine B., in ”Zur Differentialdiagnostik negativistischer Phänomene” (Otto Gross: Werke - Die Grazer Werke, S. 78ff.).” (Ralf Rother, Mail vom 18. Februar 2002)

Friedrich Glauser und Otto Gross

“Vielleicht kennen Sie meine Studie ”Matto regiert” - Psychiatrie und Psychoanalyse in Leben und Werk von Friedrich Glauser (1896-1938)”, in: Rudolf Heinz, Dietmar Kamper und Ulrich Sonnemann (Hrsg.), Wahnwelten im Zusammenstoß. Die Psychose als Spiegel der Zeit, Berlin: Akademie Verlag 1993, S. 81-101 (mit anschließender Diskussion, ”Ein Verbrechen unserer Zeit”, S. 101-104). Im Zusammenhang mit den umfangreichen Recherchen zu dieser literaturwissenschaftlichen Analyse bin ich zu meiner eigenen Überraschung nicht auf den Namen Otto Gross gestoßen. Glauser war, wie Sie vielleicht wissen, 1919/1920 ein Jahr lang in Ascona, also zum Zeitpunkt von Gross” Tod, der dessen Spuren auf dem Monte Verità wiederaufgerührt haben dürfte; doch wenn ich mich nicht sehr täusche, findet sich darüber selbst in Glausers Erinnerungen an Ascona kein Wort.” (Martin Stingelin, Mail vom 3. Februar 2001)

Frankfurt 1897-1900

In einem Weihnachten 1904 bei der Einlaufstelle der k.k. steiermärk. Statthalterei und des k.k. steierm. Landesschulrates eingereichten Curriculum vitae führt Gross an, daß er von 1897 - 1900 u.a. als Volontär bzw. Assistent “an der internen Abteilung in Frankfurt a/M (bei Prof. Carl v. Noorden), am Krankenhaus in Czernowitz und an der internen Poliklinik in Kiel” tätig war.

Hat Otto Gross evtl. in Frankfurt auch studiert? “Otto Gross kann in der Zeit 1894-1897 nicht in Frankfurt studiert haben, weil es zu diesen Zeitpunkt in Frankfurt noch keine Universität gab.” (Monika Cziller, Universitätsarchiv, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, Mail vom 5. Februar 2002)

Ein Brief kommt nicht an - die Botschaft bleibt erhalten: Otto Gross und die Münchener Räterepublik

Vorbemerkung

Dieser Aufsatz, zusammen mit Rolf Mader von mir verfasst, erschien zuerst unter dem Titel "Ein Brief kommt nicht an: Otto Gross und die Münchener Räterepublik" in leicht veränderter Form in: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, 2001, No. 16, S. 495-502. Kommentare oder Hinweise bitte an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Der Brief

M.-Schwabing, Belgradstr. 57.

7. April 1919

Sehr geehrter Herr Dr!
Nachdem Mühsam
in der Angelegenheit des Dr. Groß=
Graz mit Ihnen, sehr geehrter Herr Dr.
gesprochen, versuchte Frl. Kuh (1) mehr-
mals vergeblich, Sie zu treffen.
Ich bemühe mich nun, um eine
einige Minuten dauernde Unter-
redung mit Ihnen zu erreichen!
Werde morgen in Ihrer Wohnung vorsprechen
& falls ich Sie nicht antreffe,
bitte ich Sie höflichst & dringend,
Ihrer Frau Gemahlin zu hinterlassen,
wo Sie aufzufinden sind. Im
Voraus meinen herzlichsten Dank!

Die Distanz, das Fremdsein, der Trennungsstrich - Franz Jung: Die andere Sicht auf Otto Gross

... die darin zufaellig enthaltene Gross Analyse wird Sie interessieren. Sie werfen die Blaetter dann einfach weg.“ So endet ein am 22. Januar 1959 verfasster Brief von Franz Jung an Leonhard Frank, in dem er auf dessen Angebot, ihm bei der Unterbringung seiner Autobiographie bei einem Verlag zu helfen, reagiert. Die angesprochene “Gross Analyse” scheint bekannt, ist doch in den seit 1961 erschienenen Ausgaben von “Der Weg nach unten” bzw. “Der Torpedokäfer” eine recht ausführliche und zudem textidentische Darstellung der Eindrücke und Erlebnisse veröffentlicht worden, die immer wieder als Basis für biographische Betrachtungen des Otto Gross als auch für die Beschreibung des persönlichen Verhältnisses von Franz Jung zu Gross genommen wurden.

Gefährten - Otto Gross und Franz Jung

Vorbemerkung

Dieser Aufsatz erschien zuerst als Nachwort zu Otto Gross: Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe. Hamburg: Edition Nautilus 2000. Ich stelle ihn hier in leicht geänderter Form vor. Für ihren freundlichen Rat und Unterstützung möchte ich Jennifer Michaels, Grinnell, Iowa (USA) herzlich danken. Kommentare oder Hinweise bitte an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Im September 1911 waren sie nach München gekommen und wohnten in der Pension Führmann, von der bekannt war, daß man dort auch mal in der Kreide stehen konnte, die schwangere Margot und ihr 23-jähriger Ehemann Franz Jung. Lange ging das nicht gut - schon am 1. Mai 1912 sperrten die Führmanns sie aus. Sie bezogen eine Wohnung Pündterplatz 8 und konnten sich freuen, daß Erich Mühsam ein Auge auf Margot geworfen hatte und hin und wieder mit kleinen Beträgen aushalf, freilich ohne die gewünschte Gegenleistung zu erhalten. Jung hatte sich an der Ludwig-Maximilians-Universität immatrikuliert und studierte Nationalökonomie, will die Arbeit an einer Dissertation über "Die Auswirkungen der Produktionssteuer in der Zündholzindustrie" wieder aufnehmen, und begibt sich  - zu Mühsams Schreck - in dessen Revier: am 1. Juni nimmt er mit Margot an der Sitzung der "Tat"-Gruppe teil. Mühsam notiert: "Nun kommen Leute wie Klein und Jung in die Gruppe, innerlich verwahrloste Menschen, zu solchen, für die innerliche Festigkeit gerade das Lebensbedürfnis ist, das sie zu uns führt" (1).

Schnee durch Therapie - Die Behandlung der Schwestern Zweig

Eine bizarre Aktion ...

Am 9. November 1913 wird der österreichische Arzt Dr. med. Otto Gross in Berlin in der Wohnung von Franz Jung (Holsteinische Str. 13) verhaftet und kurz darauf des Landes verwiesen. Als Drahtzieher dieser Aktion entpuppt sich der Vater, Prof. Dr. jur. Hans Gross. Otto Gross wird an die österreichische Grenze gebracht und von dort in die Landesirrenanstalt Tulln eingewiesen.

... und die Folgen

Der Vorgang mobilisiert eine breite Öffentlichkeit, darunter Freunde wie Gegner von Otto Gross, die in der Aktion sowohl einen flagranten Eingriff Österreichs in die Souveränität des Deutschen Reiches sehen, wie eine unrechtmäßige Handlung der deutschen Polizei, die aber auch den Versuch des konservativen Vaters, des unbotmäßigen Sohnes habhaft zu werden, anprangern.

Arnold Zweigs Einsatz für Otto Gross

Zu den Gegnern von Otto Gross, die sich gleichwohl der Solidaritätskampagne für ihn anschließen, gehört neben Ludwig Rubiner auch der Schriftsteller Arnold Zweig (10. 11. 1887 - 26. 11. 1968), der seinen Intentionen in einem Beitrag in der Zeitschrift "März" am 17. Januar 1914 Ausdruck verleiht. "Uns bleibt", schreibt Zweig, "nur das Elend des Protestierens" (S. 106), bekennt aber zugleich auch seine Distanz zu Gross: "Ich bin ein radikaler Gegner des Theoretikers Otto Groß. Ich gedenke hier keine Darstellung seiner Gedanken über Kultur zu geben, noch auch eine der meinen. Genug sei, daß ich keine einzige seiner Folgerungen und Einstellungen annehmen könnte; daß ich auch glaube, ihnen logisch widerlegend und psychologisch deutend zu Leibe rücken zu können." (Ebenda)

Erich Mühsam über Otto Gross

Gross’ Unterhaltungen haben in der Tat etwas, was stark ergreift und suggeriert. Was mich aber in Wahrheit so anstrengt und ablenkt, ist die fortwährende Einstellung auf die ungewohnte Terminologie eines Monomanen. Ich muß mich fortwährend in Ausdrücken wie Komplex, Masochismus, Sadismus, Analyse, Verdrängung etc. zurechtfinden, und alle in neuen Bedeutungen gewandt.

(Erich Mühsam, Tagebücher 1910-1924. München 1994, S. 94-95)

München 1897-1898

Das Universitätsarchiv der Ludwig-Maximilians-Universität München teilt auf Anfrage am 10. April 2002 mit:

“Otto Gross aus Graz studierte als ordentlicher Hörer im Sommersemester 1897 und im Sommersemester 1898 Medizin an der Universität München. Dies geht aus den semesterweise erschienenen Personalverzeichnissen der LMU München hervor.

München 1905-1906

“Die Angaben zur Patientin Fl. von Otto Gross in München habe ich seiner Publikation ”Das Freudsche Ideogenitätsmoment…” (1907) entnommen. Ob es mehrere Patientinnen waren, weiß ich jetzt nicht (mehr). Ich glaube in der Schrift wird nur die eine angesprochen. In dem Text (Aktenauszug) ist die Patientin nur mit dem Kürzel Fl. genannt: 12. XII. 1905ff. (Otto Gross: Werke - Die Grazer Werke, S. 147f.). Die Behandlung oder Fallbeschreibung zieht sich vom 23. X. 1906 bis zum 18. XI. 1906 hin (S. 136 - S. 147).” (Ralf Rother, Mail vom 18. Februar 2002)

A. S. Neill, Summerhill, Wilhelm Stekel und Otto Gross

“… und habe den Eindruck, daß Neill (und auch Reich) viel von Gross übernommen hat (benutzen teilweise dieselben Begriffe, etwa ”Erbsünde”), obwohl er ihn sicher nicht direkt kannte. Ernest Jones wurde durch Otto Gross in die Psychoanalyse eingeführt. Homer Lane (von dem Neill in die Psychoanalyse eingeführt wurde und von dem er fast seine gesamten theoretischen Vorstellung übernahm) lernte die Psychoanalyse höchtwahrscheinlich durch Ernest Jones kennen. Außerdem wurde Gross durch Stekel behandelt. Stekel war der einzige, der 1920 einen Nachruf auf Gross schrieb. 1924 ließ Neill sich von Stekel behandeln und freundete sich lebenslang mit ihm an. Das sollte für einen indirekten Einfluß eigentlich reichen. Da Otto Gross viele Erkenntnisse Reichs vorwegnahm (20 Jahre zuvor!), könnte das auch erklären, warum die Reich’’schen Ansichten für Neill keine allzugroßen Neuigkeiten mehr waren.” (Martin Kamp, Mail vom 7. Januar 1998) Den Beginn der Bekanntschaft und die Freundschaft zwischen Stekel und Neill schildert Axel Kühn in seiner Dissertation: summerhill.paed.com/summ/dissak/literarisches/lit5.htm

Martin Pappenheim über Otto Gross

Unter den Schülern Freuds hat Otto Groß das Unbewußte zur Erklärung der psychischen Erscheinungen bei der Dementia praecox herangezogen, indem er, von der Auffassung ausgehend, daß die jeweilige Bewußtseinstätigkeit als die Resultante vieler synchron ablaufender, unterbewußter psychophysischer Vorgänge (Assoziationsreihen) zu betrachten ist, annimmt, daß vermöge eines Zerfallsprozesses, der er mit Benutzung eines Wernickeschen Terminus ”Sejunktion” nennt, funktionelle getrennte Assoziations-Reihen gleichzeitig zum Ablauf gelangen.

(Martin Pappenheim und Karl Grosz, Die Neurosen und Psychosen des Pubertätsalters, Berlin 1914, S. 113). - Martin Pappenheim (1881-1943) war in der gleichen Zeit wie Artur Kronfeld und Karl Jaspers Arzt an der Heidelberger Klinik (Kittel), später Landesgerichtspsychiater in Wien und Arzt in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Prag, ab 1922 war er der Leiter des Stadtkrankenhauses in Linz. 1933 floh er aus Österreich nach Palästina, wo er starb.

Peter Gross

Peter Gross

"Ich, Peter Wolfgang Gross, wurde am 31. Januar 1907 in München geboren als Sohn des Privatdozenten der Psychiatrie Dr. Otto Gross und seiner Frau Frida [sic!], geb. Schloffer. Das Reifezeugnis erwarb ich Ostern 1924 an der Schulgemeinde Wickersdorf in Thüringen. Ich studierte zunächst 3 Semester Philosophie und Volkswirtschaft in Heidelberg. Ab Sommer 1926 studierte ich Medizin in Berlin, Freiburg i.Br., Paris und Heidelberg. Das Physikum bestand ich Ostern 1928 in Berlin, das Staatsexamen Herbst 1932 in Heidelberg. Das Medizinalpraktikanten-Jahr vom 15. Januar 1933 bis 15. Januar 1934 absolvierte ich an der Medizinischen Klinik Heidelberg und an der Chirurgischen Klinik Heidelberg." (In: Gross, Peter: Zur Klinik der doppelseitigen traumatischen Schultergelenksluxation. Heidelberg, Univ., Med. Fak., 1934)

Franziska zu Reventlow und Otto Gross

“Fanny zu Reventlows Beziehung zu Gross - dies aber nur eine persönliche Einschätzung - scheint mir nicht so bedeutend, wie sie wohl gelegentlich dargestellt wird. Sie lernt ihn im Juli 1907 in München kennen, im Zusammenhang des 'Ascona-Komplotts', das sie mit Mühsam bezüglich der späteren Scheinehe mit dem Baron zu Rechenberg-Linten schmiedet und das auf Umwegen und unter Verwandlungen neun Jahre später zum 'Geldkomplex' (1916) führt , worin natürlich das Gross-Erlebnis verarbeitet wird, - womöglich aber doch nur mit fiktionaler, nicht biographisch-realer Signifikanz. Fanny erwähnt Gross im Tagebuch, Juli 1907, dreimal, darunter zweimal nur nebenbei, einmal ausführlicher, weil er ihr etwas Hübsches gesagt hat: 'Dr. Gross sagt, ich hätte den Zug gewaltsamer Selbstbeherrschung verloren u. sähe viele weicher aus. Das ist ja immer meine Angst, etwas Hartes, Scharfes zu bekommen, was ich ja hasse. Weil es aufgezwungen ist …'” (Jürgen Gutsch, Mail vom 31. Oktober 2004)

Aloys Riehl, Eduard v. Hartmann und Carl Gustav Carus

"Dieses verwandschaftliche Verhältnis ist mir natürlich aus dem Buch von M. Green bekannt. Aloys (oft auch mit 'i' statt 'y') Riehl [Onkel von Frieda Gross] könnte man als Logiker und Erkenntnistheoretiker fast in die Nähe der Neukantianer der Südwestdeutschen Schule rücken, womit Gross sicher wenig Gemeinsamkeiten hat. Riehl war aber vielseitig und publizierte ein erfolgreiches Werk über 'Nietzsche, der Künstler und der Denker' (1. Aufl. 1897, 8. Aufl 1923) sowie eine ebenfalls erfolgreiche Sammlung von Vorträgen die erstmals 1902 erschien und eine Rede über 'Schopenhauer und Nietzsche zur Frage des Pessimismus' enthält. Es gibt also sehr wohl Berührungspunkte. Und eine (gegenseitige) Beeinflussung ist nicht ausgeschlossen. Dem könnte man mal auf den Grund gehen.

Richtig spannend wäre aber, mal zu überprüfen, welche Philosophen ihn beeinflussten, ohne dass er sie nennt, etwa inwieweit sich 'Die Philosophie des Unbewußten', von Eduard von Hartmann in seinem Werk niederschlägt. An dem 1869 erschienen Buch dürfte er kaum vorbeigekommen sein. Zwar ist es heute nicht mehr so bekannt, war aber in der zweiten Hälfte des 19. Jhds die meist gelesene philosophische Schrift und erreichte 1923 die 12. Auflage.

Auch ein Einfluß von Carl Gustav Carus wäre denkbar, um nur noch einen weiteren zu nennen." (Rolf Löchel, Mail vom 6. Februar 2000)

Riehl, Aloys Adolf, * 27. 4. 1844 Bozen, gest. 21. 11. 1924 Berlin, Philosoph. Vertreter des Neukantianismus, Univ.-Prof. in Graz, Freiburg, Kiel, Halle und Berlin. Mehr Informationen: www.aeiou.at/aeiou.encyclop.r/r650519.htm

... daß hier aber etwas Wesentliches war ... - Otto Gross: Leben und Zeit

Franz Kafka ist die im Titel wiedergegebene Einschätzung von Otto Gross zu danken, die gleichwohl für die Zeit, in der Gross lebte, gelten mag. Es ist schwierig, ein Leben und das, dieses Leben umgebende Beziehungsgeflecht zu rekonstruieren, ist doch unsere Gegenwart dem damals vorherrschenden Lebensgefühl gar so fern. Viele der heute gängigen Denkschemata haben sich damals erst herausgebildet, Weltanschauungen und Tendenzen wie Anarchismus, Kommunismus, Lebensreform, Vegetarismus, das Geschlechterverhältnis, aber auch Antisemitismus und Eugenik wurden diskutiert. Wesentlich war, daß sie ihre Tragfähigkeit als gesellschaftliche Konzepte bewiesen - oder untergingen. Martin Green macht Schwabing am Beginn des 20. Jahrhunderts als Kulminationspunkt dieser Auseinandersetzung fest. Er benennt Otto Gross und Adolf Hitler als Hauptexponenten von Weltanschauungen, die im Widerstreit siegen oder verderben sollten. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt.

Der Schrei verhallt heut' meist ungehört. Dokumentation und Rezeption nachgelassener Analysen und Träume des Otto Gross

Der Schrei (Edvard Munch)"Jetzt sitzt das Weib neben mir - verflucht. Otto Gross analysiert sich selbst" - unter dem Titel "Kokain und Mutterrecht. Die Wiederentdeckung des Otto Groß (1877-1920)" gibt Josef DVORAK 1978 im Kapitel "Immer im Rausch. Ungedruckte und verschollene Texte" (Neues Forum. 1978, H. 295/296, S. 52-68, hier 64) seines Aufsatzes einen Teil bis dato unveröffentlichter Notizen von Otto Gross wieder, allerdings ohne die Auslassungen in Gänze und den Inhalt der wiedergegebenen Texte näher zu kommentieren. Er leitet die fragmentarische Dokumentation lediglich mit allgemeinen Ausführungen zur Rolle der Selbstanalyse bei der ersten Analytikergeneration ein und referiert Urteile von Wilhelm Stekel und Franz Jung über Gross. Immerhin weist er auf den Fundort der Texte - das Franz-Jung-Archiv, Berlin, DDR - hin, das lange Jahre von Cläre Jung betreut wurde.

Am 20. September 1986 schrieb mir Peter LUDEWIG (Berlin): "im nachlass von franz jung existierte eine selbstanalyse von otto gross. eine bekannte hat damals diese analyse transkribiert." Die "Bekannte" Ludewigs war Christina (Tina) BUHMANN, mit der ich 1987 zusammentraf. Für ihre Diplomarbeit (BUHMANN, Christina: Über Otto Gross. Berlin, Freie Universität, Psychologisches Inst., Vordiplomarbeit 1980) hatte sie den Nachlaß Franz Jungs gesichtet, das Original ihrer Transkription machte sie mir später zugänglich.

Wilhelm Stekel über Otto Gross

Im Morphiumrausch konnte er das gute Kind sein, konnte seine Eltern denken, konnte das namenlose Elend vergessen, das er über sich und seine Familie gebracht hatte. Immer wieder rief ihm eine innere Stimme zu: Du bist ein Verbrecher an dir selbst und den deinen. Diese Stimme schrie und schrie ohne Unterlass. Sie ließ ihn nicht schlafen, sie ließ ihn nicht arbeiten, sie ließ keine Lebensfreude in ihm aufkommen. Diese Stimme musste betäubt werden, koste es was es wolle.

(Wilhelm Stekel in: Die Tragödie des Analytikers. In: Ders.: Störungen des Trieb- und Affektlebens. Die parapathischen Erkrankungen. VII: Sadismus und Masochismus, Berlin, Wien 1925, S. 508)

Straßburg 1898

In seinem Weihnachten 1904 bei der Einlaufstelle der k.k. steiermärk. Statthalterei und des k.k. steierm. Landesschulrates eingereichten Curriculum vitae führt Gross an, daß er in Graz, München und Straßburg “die medizinischen Studien durchgemacht” habe. Die damalige deutsche Universität Straßburg wurde nach dem 1. Weltkrieg geschlossen, für die davon Betroffenen existierte 1919 bis Ende 1920 eine Zentralstelle der Universität mit Sitz in Freiburg, Teile ihres Bestandes werden heute vom Universitätsarchiv Freiburg verwaltet.

“Das Universitätsarchiv Freiburg verwaltet u.a. die Archivalien der Zentralstelle der Universität Straßburg, die am 1.1.1919 in Freiburg errichtet wurde (C 32). Zwar reichen einige Schriftstücke auch ins 19. Jahrhundert zurück, der Schwerpunkt der Überlieferung bezieht sich jedoch auf den Zeitraum 1918-1920. Namen von Studenten bzw. auch Professoren, die vor dem Jahr 1918 die Universität Straßburg verlassen haben, ließen sich in dem Bestand leider nicht ermitteln.” (Alexander Zahoransky, Mail vom 7. Februar 2002)

Von Jérôme Grosse erhielt ich am 10. März 2003 Auszüge aus den Unterlagen der Reichsuniversität Straßburg, die belegen, daß sich Otto Gross am 9. November 1898 an der Universität immatrikulierte und Kleberplatz 22 wohnte. U.a. besuchte er die Vorlesungen von Prof. Dr. Friedrich Kraus (Pathologie, Innere Krankheiten).

... ist nicht ohne Bitternis ein Schuldgefühl zurückgeblieben, die Erkenntnis, dass es unmöglich geworden war, ihm zu helfen - Der Tod des Otto Gross

ZEITTAFEL 1917 - 1919
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1917

  • 2. Januar: Ärztlicher Bericht und Gutachten der psychiatrischen Abteilung des Garnisonsspitals in Temesvar über Otto Gross
  • 3. Januar: Militärärztliches Zeugnis des Garnisonsspitals Nr. 1 in Temesvar: Otto Gross wird als gegenwärtig zu keiner Dienstleistung geeignet und als bürgerlich nicht erwerbsfähig angesehen
  • 2. Februar: Das K.k. Landesgericht Graz hebt den Beschluß des Bezirksgerichts Graz auf Aufhebung der Kuratel von Otto Gross auf
  • 2. März: Die psychiatrische Abteilung des Garnisonsspitals Temesvar regt die Verlegung von Otto Gross in eine psychiatrische Klinik in Graz an
  • 6. März: Anfrage beim Militärkommando Graz, in welche Militäranstalt Otto Gross verlegt werden könne
  • 14. März: Das Militärkommando Graz teilt dem Militärkommando Temesvar mit, daß einer Verlegung von Otto Gross in eine Grazer Militäranstalt nicht stattgegeben werden kann
  • 26. März: Der Abteilungschefarzt der psychiatrischen Abteilung des Garnisonsspitals Temesvar schreibt an die Kompagnie des Spitals, daß die Mutter von Otto Gross davon zu verständigen ist, daß das Militärkommando Graz seine Verlegung in eine Militäranstalt abgelehnt hat und er - im Einvernehmen mit dem Kurator Dr. Hermann Pfeiffer - auf eigene Kosten in der Psychiatrischen Universitätsklinik Graz oder in der Privatheilanstalt "Sanatorium Schweizerhof" untergebracht werden kann
  • 6. April: Das Militärkommando Wien bewilligt die Abgabe des Landsturmassistenzarztes Dr. Otto Gross in die Nervenheilanstalt "Am Steinhof"
  • 23. April: Das Militärkommando Wien fragt telefonisch bei der Landesheil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke "Am Steinhof" wegen der Reservierung eines Platzes für Otto Gross an
  • 10. Mai: Otto Gross wird aus dem Garnisonsspital in Temesvar entlassen und begibt sich die Irrenanstalt "Am Steinhof" in Wien
  • 16. Mai: Otto Gross wird aus der Irrenanstalt "Am Steinhof" als geheilt entlassen und von seiner Mutter abgeholt
  • 1. Juni: Ein Attest der Irrenanstalt "Am Steinhof" in Wien weist Otto Gross eine "überstandene Geisteskrankheit" nach
  • 18. Juli: Otto Gross trifft auf einer Zugreise von Budapest nach Prag (in Begleitung von Mizzi und Sophie Kuh und Mizzi's Bruder Anton) Franz Kafka
  • 23. Juli: Otto Gross in Prag bei Kafka zu Gast, Werfel gleichfalls anwesend, der Plan, eine Zeitschrift "Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens" zu publizieren, wird diskutiert
  • 31. Juli: Otto Gross wird nach ärztlicher Untersuchung wegen Morphinismus als invalid, zu jedem Landsturmdienst ungeeignet und für seinen Zivilberuf zu 80% geschädigt eingestuft.
  • 10. September: Otto Gross meldet sich bei seiner Mutter in der Strassoldogasse 4 in Graz an
  • 29. September: Otto Gross meldet sich in Wien an

1918

  • 28. Januar: Otto Gross meldet sich bei seiner Mutter in der Strassoldogasse 4 in Graz an
  • 4. Februar: Otto Gross meldet sich in Wien an
  • 16. Februar: Cornelia Gross, Tochter von Frieda Gross und Ernst Frick, wird in Ascona geboren
  • 14. März: Das Landesgericht Graz stellt die Unehelichkeit von Eva Gross fest
  • 29. Mai: Otto Gross meldet sich bei seiner Mutter in der Strassoldogasse 4 in Graz an
  • 19. Juni: Dr. Hermann Zafitta gibt beim Stadtrat zu Protokoll, daß Nina Kuh Otto Gross eine Schachtel Kokain zugesteckt und gedroht habe, "sich und andere Personen zu vergiften, falls man ihn ihr abspenstig machen wolle"
  • 15. Oktober: Franz Jung beantragt die Immatrikulation an der Berliner Universität
  • 2. November: Gross meldet sich in Wien an und fordert bei einer Zusammenkunft "ziemlich weit draußen im siebenten Bezirk" für sich ein "Ministerium zur Liquidierung der bürgerlichen Familie und Sexualität"
  • 3. November: Prinz Max von Baden wird Reichskanzler, Matrosenaufstand in Kiel
  • 4. November: Max Weber spricht in den "Wagnersälen", nach ihm in der Diskussion der "anarchistisch überanstrengte Mühsam"
  • 5. November: Streiks in ganz Deutschland
  • 7. November: Arbeiter- und Soldatenrat in München, angeführt von Kurt Eisner
  • 8. November: Eisner ruft die Baierische Republik aus
  • 9. November: Der Kaiser dankt ab
  • 11. November: Waffenstillstand, der Kaiser flieht nach Holland
  • 17. November: Eisner rezitiert bei einem Konzert in München seine Hymne "An die Revolution" zur Musik von Bruno Walter
  • 30. November: Wahlrecht für Frauen in Deutschland

1919

  • 15. Januar: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden von Reichswehrleuten ermordet 
  • 16. Januar: Franz Jung flieht nach Breslau, nachdem er zuvor bei Kämpfen im Berliner Zeitungsviertel im Büro der "Sozialistischen Wirtschafts-Korrespondenz" in der Krausenstraße verhaftet und in den Marstall gebracht worden war
  • 17. Januar: Max Weber in einer Wahlrede für die Deutsche Demokratische Partei: "Liebknecht, der zweifellos ein ehrlicher Mann war, hat zum Kampf der Straße aufgerufen. Die Straße hat ihn erschlagen!"
  • 20. Januar: Franz Jung kehrt nach Berlin zurück und wird Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands
  • 6. Februar: Franz Jung gehört mit Johannes Baader, Raoul Hausmann, Tristan Tzara, George Grosz, Marcel Janco, Hans Arp, Richard Huelsenbeck, Eugen Ernst und A. R. Meyer zu den Unterzeichnern eines vom "Dadaistischen Zentralrat der Weltrevolution" erlassenen Aufrufs "Dadaisten gegen Weimar"
  • 21. Februar: Eisner wird vom Grafen Arco erschossen
  • 3. März: Beerdigung Eisners, Heinrich Mann spricht
  • 4. März: Gross wohnt bis zum 30. März bei seiner Mutter in der Strassoldogasse 4 in Graz
  • 1. April: Gusto Gräser referiert in München über "Kommunismus des Herzens"
  • 7. April: Guste Ichenhäuser schreibt an Felix Noeggerath, daß Frl. Kuh ihn "in der Angelegenheit des Dr. Groß" zu sprechen wünsche. In einem Flugblatt "An das Volk in Baiern" ruft der revolutionäre Zentralrat Baierns und der revolutionäre Soldatenrat die Räterepublik aus
  • 8. April: In München werden rote Garden gebildet
  • 13. April: Wechsel an der Spitze der Räteregierung, Levien und Leviné nun an der Spitze
  • 24. April: Die "Expressionistische Arbeitsgemeinschaft Kiel" wird gegründet
  • 2. Mai: Gustav Landauer wird im Münchener Gefängnis Stadelheim von Freikorpssoldaten ermordet
  • 3. Mai: Georg Schrimpf bis zum 16. Juni in Haft, weil er dem steckbrieflich gesuchten Spartakisten Fritz Dach zur Flucht ins Ausland verhalf
  • 2. Dezember: Walter Serner eröffnet den "Ersten Weltkongreß der Dadaisten" in Genf
  • 15. Dezember: Otto Gross' Schrift "Protest und Moral im Unbewußten" erscheint in "Die Erde", 24. Heft 

Berlin, Februar 1920

"Was ist die deutsche Regierung als ein Haufen Schmutz an den Rockschößen der Ludendorff und Lüttwitz." Diese Passage im Aufruf "An die Proletarier aller Länder" in Nr. 15 der kommunistischen "Roten Fahne" vom 10. Februar 1920 lieferte die Begründung für das zeitweilige Verbot der Zeitung. Bis zum 25. Februar durfte sie, so meldete das "Berliner Tageblatt" am Mittwoch, dem 11. Februar, nicht erscheinen.

Die rein klimatischen Verhältnisse im Berlin dieser Tage waren hingegen milder als erwartet: Drei Grad über dem Gefrierpunkt schon am 10. Februar. Die "Vossische Zeitung" erläuterte in ihrer Ausgabe vom 11. Februar, daß der nur mäßige Frost u.a. darauf zurückzuführen sei, daß ein Hoch aus dem Südwesten heraufziehe, daß im Rheingebiet auch schon frühlingshafte Wärme von bis zu 14 Grad gebracht habe. Allerdings habe die Deutsche Seewarte wegen stark auffrischender südwestlicher Winde für Nord- und Ostsee Sturmwarnung ausgelöst. Fernab der Küste in Berlin wird der österreichische Arzt Dr. Otto Gross in diesen Tagen krank und hilflos aufgefunden.

Otto Gross. Biographisches und Bibliographisches

von Franz Jung

Vorbemerkung

Der Aufsatz von Franz Jung sollte die Einleitung zu einer Werkausgabe von Otto Gross werden, die Jung herauszugeben plante. Zuletzt wiederabgedruckt wurde der Aufsatz in: Dehmlow, Raimund u. Gottfried Heuer: Otto Gross. Werkverzeichnis und Sekundärschrifttum. Hannover: Laurentius 1999

Otto Gross wurde im Jahre 1877 in Czernowitz geboren [Tatsächlich: Gniebing bei Feldbach in der Steiermark, Anmerkung R.D.], wo sein Vater Erster Staatsanwalt war. Später übernahm der Vater eine Dozentur für Kriminalistik in Graz, wo auch Otto Gross dann das Gymnasium besuchte.

Besuch bei einer alten Dame oder Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

(2 Raubritter, 2 Schleicher, Cläre Jung)(1)

11.2.1973

Jetzt einige wahllose facts:

Otto Groß war Assistenzarzt bei Freud; wurde von ihm wegen seiner Kritik an 'Unbehagen an der Kultur' von ihm (vor 1910?) rausgesetzt, da er keine Kritik an sich vertragen konnte. (Hier müßte man Literatur finden, ev. Kritiken?)

Ascona 1906: Gross im Visier der Polizei - wer war dabei?

Ascona 1906Der Regierungskommissar in Locarno, Fr. Rusca, schrieb am 23. Juni 1906 an die Centralpolizeidirektion Bellinzona: „Mit Wachtmeister Noseda habe ich mich nach Ascona begeben um die Privathäuser zu besuchen, in welchen [...] diese Fremdlinge verkehrt hatten, und ich habe dabei konstatiert, daß eine große Anzahl der letzern offenbar aus Mißtrauen wegen des an die gestellten Begehrens, innert 10 Tagen regelrechte Pässe vorzulegen, in andere Gegenden verzogen sind. 

Arnold Zweig über Otto Gross

Ich kenne Otto Groß nicht sehr lange, auch sind wir nicht befreundet; die Verschiedenheit der Typen bringt das mit. Ich weiß aber von ihm, daß er eine Witterung für alles hat, was in der gebrechlichen Einrichtung der Welt an Vergewaltigung des Zarten, des Hilflosen, des Edlen und Feinen vorgeht; es ist nicht eben wenig in dieser barbarischen und bürokratischen Zeit. An dieser Vergewaltigung und Schändung irgend eines beliebigen aber erlesenen Wesens, und wenn es ein Hund wäre, entflammte sich diese Seele in Mitleiden und Helfenmüssen; er ist Arzt. (...) Ich habe ihn aus der Nähe arbeiten sehen; habe ihn einen unendlich verletzlichen, dabei geistig völlig überlegenen Menschen heilen sehen, dessen schwere Neurose vier Jahre lang von Autoritäten vergeblich und ahnungslos bespöttelt worden war; habe gesehen, wie dieser fremde Mensch, Dr. Groß, das Mißtrauen, den Widerstand, die Abwehr des Kranken durch seine fühlende, tastende, divinatorisch offene Seele in Mitarbeit verwandelte; habe einen Menschen, der Arzt ist, einem Menschen, der krank ist, helfen sehen - und ich empfand, was ich hier schreibe und ohne jeden Zwang, - weil es sich um ein privates Gefühl handelt - nie gesagt hätte: ich empfand das Genie.

(Arnold Zweig, Die beiden Groß, in: März. Jg. 8. 1914, H. 3, S. 106)

... Prof. Schrenck-Notzing, den er durch Dr. Gross kennt ...

Fritz Mierau schreibt: "Dort [in München] will Jung Prof. Schrenck-Notzing aufsuchen, den er durch Dr. Gross kennt und dessen Arbeiten ihm die Beziehung zu seiner verstorbenen Schwester deutlich gemacht hatten." (Fritz Mierau, Das Verschwinden von Franz Jung. Stationen einer Biographie. Hamburg: Ed. Nautilus 1998, S. 29f.)

Wie ein alter Ägypter - Sigmund Freud über Methode und Schriften des Otto Gross

Im Londoner Freud Museum sind Teile der Bibliothek Sigmund Freuds erhalten, darunter drei Schriften von Otto Gross. Das Exemplar der Monographie "Das Freudsche Ideogenitätsmoment und seine Bedeutung im manisch-depressiven Irresein Kraepelins" enthält eine handschriftliche Anstreichung Freuds, auf die unten näher eingegangen wird. In welchem Umfang hat Sigmund Freud überhaupt - so weit dies heute rekonstruierbar ist - das Werk von Otto Gross rezipiert?

Otto Gross als Dr. Hoch

Bemüht, wie ein normaler Mensch zu schreiten, führte er die einzelnen Phasen jedes Schrittes so exakt aus, daß der Gang wie ein gespenstischer Tanz erschien, als sei der Körper innen mit Drähten durchzogen, die irgend jemand, vielleicht auf den Dächern drüben, in diese unheimliche verlangsamte Bewegung setzte.

(Johannes R. Becher, Abschied. Berlin und Weimar 1975, S. 350-51)

Hermann Zafita über Otto Gross

Dr. Otto Groß, 41 Jahre alt, übermittelgroß, schlank, sehr vorgebeugte Körperhaltung, schwebenden, schiebenden Gang, starren Blick, glatt rasiert, bleich, eingefallen, durchfurchtes, sommersprossiges Gesicht, gebogene, gekrümmte Nase, ziemlich lange, gekrauste, blonde, melierte Haare, grau-schwarzen Anzug und grauen Hut.

(Vernehmung Hermann Zafita. Stadtrat Graz als Sicherheitsbehörde am 19. Juni 1918, StLA: BG Graz I, P-IX-20/1914, Bl. 493r u. v)

Otto Gross als Gebhart

Gebharts Worte, seine Gesten, seine Manieren zeigten trotz der Einwirkung des Kokains eine gründliche Abgewogenheit und einen Edelmut, die ihn hoch über das Gewimmel des Säulensaals erhoben. Das zerlittene Gesicht bewies, daß der Mann, wie jede vornehme Natur, alles bar bezahlt hatte.

(Franz Werfel, Barbara oder die Frömmigkeit. Berlin, Wien, Leipzig 1919, S. 458)

Graz

“Nach dem schrecklichen Vater von Otto Groß ist in Graz eine Straße (oder Gasse) benannt.” (Heimo Gruber, Mail vom 6. Februar 2003). Das stimmt: die Hans-Groß-Gasse.

Frieda Weekley - Otto Gross' “Frau der Zukunft”

Frieda WeekleyDas Frauenbild des Otto Gross - läßt sich ablesen aus seinen Schriften - läßt sich insbesondere aber rekonstruieren aus seinen tatsächlichen Beziehungen zu Frauen. Ich bin nicht angetreten, dieses Bild hier zusammenfassend darzustellen, sondern will mich auf seine Beziehung zu Frieda Weekley konzentrieren. Die Frau der Zukunft des Otto Gross - wie ich sie hier darzustellen versuche - ist also die Rekonstruktion eines Frauenbildes, das Gross selbst als das der "Frau der Zukunft" (1) bezeichnet, und die er selbst, wie er in seinen Briefen an Frieda Weekley schreibt, in ihr "lebend gesehen, lebend geliebt" (2) hat.

Die Briefe, auf die ich mich beziehe, sind ungefähr in den Jahren 1907 bis 1908 geschrieben worden und überliefert, wenngleich auch mit der - für die Forschung - hinderlichen Begleiterscheinung, daß sie von Gross nicht datiert wurden. Die Empfängerin Frieda Weekley hat sie später, als Zeugnis ihrer eigenen Entwicklung und Befindlichkeit, an ihren Ehemann Ernest geschickt, nachdem sie diesen im Jahre 1912 verlassen hatte, um fortan mit D. H. Lawrence zu leben.

Das Tabu für Mord ist die strengste Regel, die unsere Rechtssysteme anwenden, und sie hat es so einfach gebrochen.
Aber nur, weil sich ihr Wahnsinn mit dem Reggies verbunden hat. Ähnlich wie die Begegnung zwischen Hitler und Himmler.
Hitler hat Postkarten gemalt und Himmler Hühner gezüchtet, glaube ich. Zusammen verursachten sie den Holocaust.
(Janwillem van de Wetering, Massaker in Maine, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 295)

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