Meine Geliebte, Du meine wunderbare (Brief 16)

Zusammenfassung

Otto Gross erwartet einen Besuch von Frieda Weekley und schickt ihr mit dem Brief den Entwurf eines früheren, nicht abgeschickten Schreibens.

Er verbindet mit ihrem Kommen die Hoffnung, daß Frieda sich frei machen werde - von ihrem Ehemann Ernest. Er setzt sich, den "Einen, der liebend sich dem ersten Werden des unbekannten Kommenden giebt", gegen den "guten Menschen" Ernest Weekley.

Otto Gross an Frieda Weekley

1.
Meine Geliebte,
Du meine wunderbare
- ich liebe Dich mit meiner
ewigen Liebe und hoffenden 
Sehnsucht - ich lebe
alle Tage mit einer stillen Erwartung Deinem 
Kommen entgegen.
Du wirst ja wohl kommen,
Frieda - - - Ich sende
Dir 2 Blätter, die ich lange
herumgetragen habe [1] - sie
sind jetzt überholt.
Du hast ja selbst so bald
gefunden, was ich Dir
sagen wollte - Du bist
jetzt frei von der Gefahr,
Dich selbst zu träumen - -

und damit ist das Aller-
wichtigste gewonnen - - - 
Ich glaube, nun reift auch
auch bald die zweite
Entscheidung - ich glaube,
Du wirst kommen - - 
Frieda, es lohnt den
Kampf, sich frei zu
machen, gerade heute
- die Welt ist weit
und tief und wunderbar
in ihrem Sich-Verjüngern
- - gerade heute, Frieda,
gerade für Dich - - - 
sie lohnt es, wenn
man sie vertrauend
liebt - - was wiegen
tausend "gute Menschen"
und all' ihr Sein und Thuen

2.
gegen Einen, der liebend
sich dem ersten Werden
des unbekannten Kommenden
giebt ? Und Du und ich
wir lieben uns in dieser
heimlichen und un-
endlichen Liebe, in
diesem schweren heissen
Frühlingsrausch Voraus-
geborener - - komm,
Frieda, komm zu mir - 
ich liebe Dich, wie ich
diese Zeit und ihre Zukunfts-
vorzeichen liebe - - - 
Dein Otto


1) s. Brief 17

 

Das Tabu für Mord ist die strengste Regel, die unsere Rechtssysteme anwenden, und sie hat es so einfach gebrochen.
Aber nur, weil sich ihr Wahnsinn mit dem Reggies verbunden hat. Ähnlich wie die Begegnung zwischen Hitler und Himmler.
Hitler hat Postkarten gemalt und Himmler Hühner gezüchtet, glaube ich. Zusammen verursachten sie den Holocaust.

(Janwillem van de Wetering, Massaker in Maine, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 295)